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    <tei:titleStmt>
      <tei:title type="main">Ein Fotoalbum als historische Quelle</tei:title>
      <tei:title type="sub">Das Konzept der Körper- und Stimmbildung von Kallmeyer und
      Lauterbach</tei:title>
      <tei:author>
        <tei:name>
          <tei:forename>Bettina Irina</tei:forename>
          <tei:surname>Reimers</tei:surname>
        </tei:name>
        <tei:affiliation>BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des
        DIPF</tei:affiliation>
        <tei:email>reimers@dipf.de</tei:email>
        <tei:idno type="ORCID">0000-0002-9012-0449</tei:idno>
      </tei:author>
    </tei:titleStmt>
    <tei:publicationStmt>
      <tei:publisher>BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des
      DIPF</tei:publisher>
      <tei:date>2021</tei:date>
      <tei:availability>
        <tei:licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/">
          <tei:p>For this publication a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 4.0 International 
          license has been granted by the author(s) who retain full copyright.</tei:p>
        </tei:licence>
      </tei:availability>
      <tei:idno type="DOI">10.25658/szr6-7x31</tei:idno>
    </tei:publicationStmt>
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      <tei:title>Jahrbuch für Historische Bildungsforschung</tei:title>
      <tei:biblScope unit="volume">27</tei:biblScope>
    </tei:seriesStmt>
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      <tei:p>Jahrbuch Historische Bildungsforschung, Band 27, XXX 2021.</tei:p>
    </tei:sourceDesc>
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      <tei:p>Die Gründung des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung wurde im Mai 1991 auf der Jahrestagung
        der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), der 
        Vorgängerin der Sektion Historische Bildungsforschung, beschlossen. Veröffentlicht werden Beiträge aus
        dem Gesamtgebiet der Historischen Bildungsforschung, wobei vor allem auch die Nachbardisziplinen zur    
        Mitarbeit eingeladen sind. Historische Bildungsforschung wird hier als              
        interdisziplinäres Feld verstanden, in das Fragestellungen der Erziehungs-, Geschichts- und    
        Literaturwissenschaft ebenso Eingang finden wie die historische Anthropologie, historische       
        Berufsbildungsforschung oder die Geschichte der Medien, der Geschlechter, der Kindheit und der Jugend.</tei:p> 
      <tei:p>Das Jahrbuch für Historische Bildungsforschung wird von der Sektion Historische Bildungsforschung in          
        Verbindung mit der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF | Leibniz-Institut für           
        Bildungsforschung und Bildungsinformation herausgegeben. Den Kreis der Herausgeber:innen bilden 15      
        Wissenschaftler:innen, die die inhaltliche Breite der Teildisziplin          
        verkörpern. Sie wählen eine:n Sprecher:in und bestimmen in jedem Jahr die     
        Schwerpunktthemen der kommenden Bände, die jeweils von einer kleinen Redaktionsgruppe betreut   
        werden. Daneben gibt es Raum für themenungebundene Abhandlungen, Diskussionen sowie für die      
        Publikation ausgewählter Quellen mit Kommentierung. Seine zunehmende Verbreitung in europäischen  
        wissenschaftlichen Bibliotheken und die steigenden Zahl englischsprachiger Beiträge sind Ausdruck    
        wachsender Internationalität des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung. Alle Einreichungen werden  
        in einem Peer-Review-Verfahren begutachtet.</tei:p>
      <tei:p>Die Verbreitung digitaler Angebote und Ressourcen ist in den letzten Jahren in den Geisteswissenschaften  
        deutlich angestiegen und auch in der Historischen Bildungsforschung spielen Verfahren der Digital           
        Humanities eine immer wichtigere Rolle. Das Jahrbuch erscheint daher, ermöglicht durch eine DFG-Förderung in   
        dem Projekt <tei:title><tei:ref target="https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/463078084" type="crossref">Transformation    
          des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung (JHB) in ein hybrid – print &amp; online – erscheinendes Open Access  
          Journal</tei:ref></tei:title>, als Open-Access Journal mit erweiterter Funktionalität neben der Printausgabe.</tei:p> 
      <tei:p rend="breadcrumbfix"/>
    </tei:projectDesc>
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      <tei:language ident="de">de</tei:language>
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  <tei:front>
    <tei:div type="abstract">
      <tei:p>
        Bei der im Folgenden vorgestellten Quelle handelt es sich um ein Fotoalbum einer
        privaten Gymnastikschule ...
      </tei:p>
    </tei:div>
  </tei:front>
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      <tei:pb n="220"/>
      <tei:head>Einleitung</tei:head>
      <tei:cit>
        <tei:quote source="#quoteref1">Die heutige Erziehung unserer Jugend kann wohl nicht den
        Anspruch erheben, eine harmonische genannt zu werden, wir müssen im Gegenteil ehrlich
        zugeben, daß sie in vielfacher Beziehung einseitig ist, also das Gegenteil von
        harmonisch.<tei:note xml:id="ftn1" n="1">
        <tei:ref xml:id="quoteref1" target="#Kallmeyer1910" type="bibl">Kallmeyer 1910,
        S. 11</tei:ref>.
        </tei:note></tei:quote>
      </tei:cit>
      <tei:p n="1">Bei der im Folgenden vorgestellten Quelle handelt es sich um ein Fotoalbum einer
      privaten Gymnastikschule, beinahe mittig auf dem roten Leineneinband befindet sich eine
      goldfarbene Prägung <tei:q>Schule Kallmeyer-Lauterbach</tei:q>, in der zweiten
      Titelzeile ist die Ortsangabe <tei:q>Berlin</tei:q> ebenfalls in goldenen Lettern
      eingeprägt. Das Album wurde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 1937
      angelegt<tei:note xml:id="ftn2" n="2">
      Der Vergleich mit weiteren Fotos aus der <tei:hi rend="italic">Sammlung Hedwig
      Kallmeyer und andere Leibpädagoginnen</tei:hi> hat ergeben, dass die im Album
      eingeklebten Aufnahmen bei Gymnastikkursen in Vitte zwischen 1928 bis 1937
      entstanden sind.
      </tei:note> und diente nicht – so die erste Annahme – zu Werbezwecken und zur
      Dokumentation der praktischen Arbeit der privaten Schule zur Körper- und Stimmbildung,
      sondern vielmehr als Erinnerungsalbum. Vielleicht war es die Abschiedsgabe des letzten
      Ausbildungskurses der Körper- und Leibpädagoginnen (1935–1937) für die beiden
      langjährigen Schulleiterinnen, Hedwig Kallmeyer und Frieda Lauterbach. Da in der
      Sammlung der Unterlagen der Schulgründerin Hedwig Kallmeyer zwei fast identische Alben
      aufgefunden wurden, könnte man annehmen, dass beiden Frauen ein solches Album zugedacht
      war. Der Abdruck der gesamten Quelle ist aufgrund des Umfangs hier nicht möglich, daher
      wird zunächst eine detaillierte Beschreibung des Objekts gegeben, um einen Eindruck von
      Inhalt und Beschaffenheit des Fotoalbums vermitteln zu können.</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div5">
      <tei:head>Beschreibung der Quelle</tei:head>
      <tei:p n="2"><tei:pb n="221"/>Der Einband des Fotoalbums mit einer Abmessung von 35 x 35 cm ist mit dunkelrotem
      Leinen bezogen und enthält 24 Blatt eierschalfarbenen, leicht strukturierten
      Fotokarton; Einband und Karton werden durch drei Buchbinderschrauben fest
      zusammengehalten. Das aufwendig gestaltete und extra gefertigte Album mit 119 Fotos
      und drei Texteinlagen vermittelt einen anschaulichen Eindruck von Ferienkursen in
      Körper- und Stimmbildung in Hiddensee auf der Insel Rügen, von regelmäßig in Berlin
      stattfindenden Kursen für interessierte Laien sowie von Angeboten zur
      Berufsausbildung bzw. Weiterbildung für interessierte Berufskolleginnen bzw.
      Angehörige verwandter Berufe. Auf dem ersten Innenblatt rechts (S. 1) prangt der Name
      und das Logo der Gymnastik-Schule: ein schwarzer Stab leicht aus dem Mittelpunkt
      eines Kreise herausgerückt, auf den vier schwarze dünne Linien von links zulaufen,
      die sich am Berührungspunkt mit dem unteren Ende des Stabes als vier schwingende
      Linien – in unterschiedlich ausladenden Kreisbewegungen – um den Stab herum winden.
      Beim Umblättern erfahren die Betrachtenden zunächst Näheres über Ferienkurse in
      Körper- und Stimmbildung auf Rügen im Monat Juli, die zum Angebot der Schule gehören.
      Auf der linken Seite aufgebracht sind zwei Ausschnitte eines gedruckten Programms (15
      x 11 cm; 15 x 20 cm), in mit Bleistift angezeigten Markierungen, mit den zentralen
      Informationen wie Ort, Zeit, Zielgruppe, Kursinhalte, Unterbringung und Verpflegung
      sowie Kosten.<tei:note xml:id="ftn3" n="3">
      Die Aufteilung der beiden Blätter und die Markierungen auf dem Karton
      stützen die Annahme, dass die ursprüngliche Vorlage auf das Format des Albums
      angepasst wurde. DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 2.
      </tei:note> Das Kursangebot richtet sind an Frauen, einerseits Lehrende aus dem
      Bereich der Gymnastik und Körperbildung, die <tei:q>unsere und andere Lehrweisen zur
      Fortbildung, Ergänzung, Vertiefung</tei:q> nutzen wollen und andererseits
      erholungsbedürftige Personen, die ihre Ferien an der See verbringen und <tei:q>durch
      tägliche intensive gymnastische Arbeit die Erholung […] fördern und evtl. Schäden
      durch Schule und Berufsarbeit</tei:q> ausgleichen wollen.<tei:note xml:id="ftn4" n="4">
      DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 2.
      </tei:note> Für die Gruppe der Erholungsbedürftigen sieht das Kursprogramm eine
      tägliche angeleitete Unterrichtszeit für Körperarbeit von anderthalb Stunden –
      bevorzugt im Freien – vor. Für die Gruppe der professionellen Kursteilnehmenden ist
      beschrieben, dass eine tägliche Arbeitszeit von drei bis vier Stunden mit
      berufsrelevanten Einheiten zu psychologischen und pädagogischen Fragestellungen, zu
      den Fachgebieten Anatomie und Physiologie sowie zu Fragen der Ernährungs- und
      Gesundheitslehre vorgesehen ist. Ausdrücklich vermerkt wird die Bereitschaft, auch
      vertiefend auf weitere<tei:pb n="222"/> Fragestellungen und inhaltliche Schwerpunkte einzugehen. Das
      Kursangebot kann für vier bzw. für zwei Wochen gebucht werden. Je nach Zielgruppe und
      Intensität des Unterrichts sind die Kursgebühren gestaffelt. Für die
      Berufskolleginnen beträgt die Teilnahmegebühr für vier Wochen 60,– Mark, die
      Erholungssuchenden zahlen für die Kursdauer von vier Wochen 30,– Mark bzw. für den
      verkürzten zweiwöchigen Kurs jeweils die Hälfte. Individuell kann das Paket um
      gezielten Einzelunterricht oder spezielle Anwendungen wie Massagen oder Kompressen
      gegen Honorar ergänzt werden. Die Unterbringung erfolgt in Zwei- bzw. Dreibettzimmern
      <tei:quote source="#quoteref39">in einem hellen, am Nordende von Vitte gelegenen
      Hause, 3 Minuten vom Strand entfernt, umgeben von Wiesenland, geschützt durch
      100jährige Teufelszwirnhecke</tei:quote> oder in Zimmern in benachbarten
      Fischerhäusern.<tei:note xml:id="ftn5" n="5">
      <tei:ref xml:id="quoteref39" type="bibl" target="#zoteroItem_KBVIA52C">DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 2</tei:ref>.
      </tei:note> Für die Unterbringung werden 120,– Mark für die gesamte Kursdauer bzw.
      die Hälfte für die verkürzten Kurse berechnet; eine Unterbringung im Einzelzimmer ist
      gegen einen Aufpreis von 15 Prozent möglich. Die Verpflegung ist im Preis
      inbegriffen, diese wird als <tei:q>neuzeitliche fleischlose Küche</tei:q> beworben,
      zugesichert werden drei bis vier Mahlzeiten pro Tag.</tei:p>
      <tei:p n="3">Auf der rechten Seite (S. 3) des Albums beginnt nun die visuelle Vermittlung der
      Anreise: Ein Foto zeigt den Weg zum Ziel, ein anderes – größeres – zeigt das Ziel
      selbst, das <tei:q>Ferienhaus</tei:q> auf der Insel. Die Beschriftung in
      Großbuchstaben über dem Foto ist mit schwarzem Karton hinterlegt und hebt die
      Bezeichnung optisch heraus. Dieses gestalterische Prinzip der Ankündigung der
      Themenschwerpunkte und Hervorhebung dieser in Großbuchstaben auf schwarzem Grund,
      wird fortan durchgehalten und markiert die Einteilungen des Albums.<tei:pb n="223"/></tei:p>
      <tei:figure xml:id="b27_a10_f1">
        <tei:graphic n="1001" width="800px" height="1241px" url="https://pictura.bbf.dipf.de/viewer/api/v1/records/176405_89350651-53ec-4421-a21b-1561384935de/files/images/kall_foto_053_1.tif/7,9,2436,3779/max/0/default.jpg" rend="block"/>
        <tei:head type="legend">Hedwig Kallmeyer auf Hiddensee, 1934. Quelle:
        DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 53, Bl.1</tei:head>
      </tei:figure>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div6">
      <tei:head>Das <tei:q>System Kallmeyer-Lauterbach</tei:q> in der Praxis</tei:head>
      <tei:p n="4"><tei:pb n="224"/>Die nachfolgenden Fotos erlauben einen Einblick in das praktische Kursgeschehen
      der <tei:q>Gruppenarbeit</tei:q> (S. 5, S. 7, Abbildungen siehe Anhang). Auf vier
      Fotos ist eine Gruppe Frauen zu sehen, die gymnastische Übungen im Freien ausführt.
      Jeweils zwei Frauen arbeiten die Übungen gemeinsam – vermutlich im Wechsel – aus.
      Diese <tei:q>Partnerübungen</tei:q> dienen der Körperwahrnehmung und Streckung der
      Wirbelsäule und gehören zu den Grundthemen <tei:hi rend="italic">Tragen und sich tragen
      lassen</tei:hi> und <tei:hi rend="italic">Halten und sich halten lassen</tei:hi>. Das Ziel soll
      es sein, das richtige Maß von An- und Entspannung sowie im Dialog ein ausgewogenes
      Kräfteverhältnis zu finden, um gemeinsam die Balance zu halten.<tei:note xml:id="ftn6" n="6">
      Bei der ersten Partnerübung befindet sich eine Person im Vierfüßlerstand,
      die zweite Person sitzt auf dem Rücken der ersten Person, lässt die Füße über
      deren Schultern hängen und versucht durch Anspannung von Hals-, Brust- und
      Lendenwirbeln in eine aufrechte Sitzhaltung zu kommen. Bei der zweiten Übung
      liegt eine Person auf dem Rücken der Partnerin. Für die auf dem Rücken Liegende
      geht es darum, sich tragen zu lassen ohne die Muskeln dabei anzuspannen, die
      Streckung der Wirbelsäule wahrzunehmen und dabei zu entspannen. Für die
      Tragende geht es darum, das Gewicht der Partnerin aufzunehmen und über den
      Stand der Beine in den Boden abzugeben. Zentral ist hierbei das Atmen ohne
      Anspannung, sodass auch die Wirbelsäule der tragenden Person bei der Übung
      gestreckt wird. Bei der dritten Übung stehen die Übungspartnerinnen
      hintereinander: Die vorne stehende Person dehnt bzw. hängt ohne
      Muskelanspannung im Beckenbereich, die hinten stehende Person stützt und hält.
      DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 5 u. S. 7.
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="5">Als weitere Beispiele für die Gruppenarbeit dienen zwei Abbildungen einfacher
      Körper- und Bewegungsübungen mit dem Ball. Die nachfolgenden beiden Aufnahmen zeigen
      zehn Frauen auf einer Wiese: Sie sitzen oder lagern auf einer Decke bzw. stehen auf
      dem Rasen und bilden die Gruppe der Musikantinnen, die im Album als <tei:q>Primitives
      Orchester</tei:q> bezeichnet werden. Die Frauen halten einfache Akustikinstrumente
      wie Handtrommeln, Blockflöte, Zimbel, Ratsche, Rassel, Topfdeckel, Büchse und Becken
      in den Händen. Die Dozentin Frieda Lauterbach steht vor der Gruppe und gibt im ersten
      Bild den Takt auf einem Becken vor, auf dem zweiten Bild dirigiert sie bzw. gibt
      Erklärungen zur Einheit der rhythmischen Harmonielehre (S. 8/9). Die hier
      dargestellte frei improvisierte rhythmische Geräuschmusik mit einfachen Schlag- und
      Blasinstrumenten begleitet die Übungen in rhythmischer Gymnastik. Als freie
      Improvisationen folgen dabei die Bewegungen der Musizierenden den Elementen und
      Gesetzen einer körperlichen Harmonielehre.</tei:p>
      <tei:p n="6">Zur Veranschaulichung der <tei:q>Freizeit</tei:q> wird eine Sequenz mit drei
      Fotos gewählt, diese zeigen die Frauengruppe – vermutlich bei der Rast nach einem
      Spaziergang – am Steilhang auf Rügen mit Blick auf die offene See, die Gruppe am
      Strand und auf Decken lagernd auf einer Wiese (S. 11). Eine<tei:pb n="225"/> weitere thematische
      Sequenz der Beispiele zur Freizeitgestaltung während der Ferienkurse trägt die
      Überschrift das <tei:q>Märchenspiel im Freien</tei:q>. Hierfür wurden sechs Fotos mit
      Spielszenen eines nicht näher bezeichneten Märchenspiels mit einfachen Kostümen und
      Requisiten im Freien als Kollage zusammengefügt. Deren Mittelpunkt bildet ein
      Bildausschnitt der verkleideten Akteurin Frieda Lauterbach. Die Aufnahmen vermitteln
      einen Eindruck der Spielräume, die unter Zuhilfenahme von Wäscheleinen und Decke bzw.
      Nutzung der Außenfassaden der Gebäude geschaffen wurden (S. 13). Als weiteres
      Beispiel der möglichen Freizeitaktivitäten folgt die Darstellung der
      <tei:q>Segelfahrt</tei:q>, die prominent mit einem großformatigen Foto eines
      einfachen Fischerbootes mit einem Mast in Szene gesetzt wird (S. 15). Nach dieser
      ersten visuellen Präsentation des Kursalltags in den Ferien werden auf der nächsten
      Doppelseite die Grundsätze und das inhaltliche Konzept der Gymnastikschule
      Kallmeyer-Lauterbach für den <tei:q>Laienunterricht</tei:q> dargestellt.<tei:note xml:id="ftn7" n="7">
      Als durchgängiges Gestaltungsprinzip befindet sich der inhaltlich
      beschreibende Text zu den verschiedenen Kursangeboten auf einer linken Seite im
      Album, die veranschaulichenden Abbildungen mit sprechenden Überschriften
      befinden sich überwiegend auf der rechten Seite. DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1,
      S. 16/17.
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="7">Das Programm des Unterrichts ist auf einem Flyer (9,5 x 21 cm) abgedruckt, dieser
      ist aufgeklappt in der Mitte der linken Doppelseite des Albums eingeklebt. Das hier
      präsentierte Angebot zur Körper- und Stimmbildung richtet sich an pädagogisch
      interessierte Laien aller Altersgruppen. Neben Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
      werden explizit die Zielgruppen Berufstätige, Mütter und Frauen benannt. Die Kurse
      für <tei:quote source="#quoteref35">Anfänger und solche, die mit unserer Arbeit
      vertraut sind</tei:quote> sind für kleine Gruppen konzipiert und als
      Veranstaltungsreihen angelegt, <tei:quote source="#quoteref35">denen eine bestimmte
      Entwicklung zugrunde liegt</tei:quote>.<tei:note xml:id="ftn8" n="8">
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref35" target="#zoteroItem_KBVIA52C">DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 16</tei:ref>. Die nachfolgenden Kurzzitate
      ebenda.
      </tei:note> Daher wird gleich im Ankündigungsblatt die Empfehlung ausgesprochen,
      <tei:quote source="#quoteref35">im Interesse einer erfolgreichen Arbeit […], den
      Unterricht regelmäßig und längere Zeit hindurch zu besuchen.</tei:quote>
      Inhaltlich geht es um die Schulung der Körperbildung durch die Wahrnehmung des
      Zusammenspiels der anatomischen Gegebenheiten und physiologischen Prozesse der
      eigenen Bewegung und Atmung, die bewusste Wahrnehmung des Muskeltonus sowie von
      Spannung und Entspannung. Ziel der Kurse ist der Ausgleich von gesundheitlichen
      Störungen oder Fehlstellungen einerseits. Andererseits sollen die gymnastischen
      Übungen und der Aufenthalt dem Abbau von physischen Verspannungen und psychischen
      Blockaden dienen, das Wohlbefinden steigern und die Leistungsfähigkeit fördern. Die
      Anforderungen werden <tei:quote source="#quoteref35">angepaßt an die jeweiligen
      Kräfteverhältnisse des einzelnen: aus dem naturgemäßen Bewegungsablauf im Körper
      herausentwickelt – Gang, Lauf, Sprung – Bewegungsspiele mit und ohne Geräte
      (Bälle, Stäbe, Kugeln).</tei:quote> Zusätzlich zu<tei:pb n="226"/> den gymnastischen
      Gruppenangeboten umfasst das Programm noch Einzelunterricht für Teilnehmerinnen mit
      körperlichen Beschwerden, zur Schwangerschaftsnachsorge und für Frauen in der
      Menopause; begleitet werden diese Angebote auf Wunsch der Teilnehmerinnen durch
      gezielte Anwendungen wie Massagen oder Kompressen. Offeriert wird – insbesondere für
      Interessentinnen mit weiter Anreise – auch die Möglichkeit einer längeren intensiven
      Behandlung mit Unterbringung und ärztlicher Begleitung im eigenen Haus. Zum
      Kursangebot der Schule Kallmeyer-Lauterbach gehören darüber hinaus auch Gruppen- und
      Einzelunterricht in Stimmbildung <tei:quote source="#quoteref35">für alle
      Berufstätigen, an deren Sprechorgane größere Anforderungen gestellt werden
      (Lehrende u.a.)</tei:quote> und logopädische Hilfestellung bei Funktionsstörungen
      wie Lispeln, Stottern und Heiserkeit.</tei:p>
      <tei:p n="8">Die gegenüberliegende rechte Seite des Albums trägt den Titel <tei:q>Gymnastik
      fuer Aeltere</tei:q> und veranschaulicht mit Hilfe von sechs Fotografien einer
      Gruppe mit sechs Frauen den Kursalltag mit Übungen (Balance, Dehnungen, Spannung und
      Entspannung) in dem an das Haus angrenzenden Garten und im Übungsraum.</tei:p>
      <tei:p n="9">Die nachfolgenden Seiten dienen der Vorstellung der Berufsausbildungskurse mit
      dem Ziel der <tei:q>Entfaltung der Eigenpersönlichkeit</tei:q> und der
      <tei:q>Heranbildung zum Lehrenden</tei:q>.<tei:note xml:id="ftn9" n="9">
      DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 17.
      </tei:note> Das linksseitig in zwei Ausschnitten (21 x 15 cm) auf der folgenden
      Doppelseite abgedruckte Programm beschreibt die praktische Ausbildung in den drei
      Bereichen Gymnastik, Stimmbildung und Gestaltung in Zeichnen und Tonarbeiten. Den
      umfangreichsten Teil bildet die Beschreibung der gymnastischen Ausbildung des eigenen
      Körpers durch Bewegung <tei:quote source="#quoteref36">aus den Grundbewegungen des
      Menschen heraus – Liegen, Sitzen, Hocken, Kriechen, Stehen, Gehen, Laufen,
      Springen</tei:quote>,<tei:note xml:id="ftn10" n="10">
      <tei:ref xml:id="quoteref36" type="bibl" target="#zoteroItem_KBVIA52C">DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 18</tei:ref>. Die nachfolgenden Kurzzitate
      ebenda.
      </tei:note> das Einüben von Bewegungsspielen ohne und mit Gerätschaften sowie das
      Erlernen der <tei:quote source="#quoteref36">Geräuschrhythmik</tei:quote>. Die
      Befähigung zur Durchführung von therapeutischen Maßnahmen zur Behebung von
      Missempfindungen und zur Linderung von Funktionsstörungen bei künftigen Klient*innen
      durch gymnastische Übungen, Massagen und sonstige Anwendungen wird als praktischer
      Teil der Ausbildung von einer theoretischen Unterweisung in Menschenkunde, Anatomie,
      Pädagogik und Psychologie flankiert.</tei:p>
      <tei:p n="10">Die Ausbildungszeit zur staatlich geprüften Gymnastikerin wird in der Ankündigung
      mit zwei Jahren angegeben, als Unterrichtsform wird die Arbeitsgemeinschaft<tei:note xml:id="ftn11" n="11">
      Die Bezeichnung Arbeitsgemeinschaft setzte sich für die Lehr- und
      Unterrichtsangebote für Erwachsene im Ersten Weltkrieg durch. Zur Idee und zum
      Begriff der Arbeitsgemeinschaft und zu den Auswirkungen der neuen Lehrmethode
      auf die praktische Bildungsarbeit in der Weimarer Zeit siehe <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref2" target="#Wunsch1986">Wunsch
      1986</tei:ref>.
      </tei:note> mit 20 bis 24 Wochenstunden pro Monat beschrieben, im<tei:pb n="227"/> zweiten Lehrjahr
      sind die Auszubildenden verpflichtet, ein- bis zweimal wöchentlich Lehrstunden mit
      kleinen Gruppen als praktische Übungen zu übernehmen. Im Verlauf der Ausbildungszeit
      sollen die Teilnehmerinnen wenigstens einmal an einem Sommerkurs an der See
      teilnehmen. Zudem werden Interessierte gleich in dem Programm darauf aufmerksam
      gemacht, dass die Ausbildung einen immensen Anteil an Eigenarbeit erfordert, eine
      weitere Berufsarbeit daher kaum möglich und der Schulleitung anzuzeigen ist, zudem
      ist es untersagt, <tei:quote source="#quoteref37">an andersartigem Gymnastik- oder
      Tanzunterricht während des Lehrgangs teilzunehmen oder selbst solchen zu
      erteilen</tei:quote>.<tei:note xml:id="ftn12" n="12">
      <tei:ref xml:id="quoteref37" type="bibl" target="#zoteroItem_KBVIA52C">DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 18</tei:ref>. Die nachfolgenden Kurzzitate
      ebenda.
      </tei:note> Eine Anmeldung zum Ausbildungskurs steht 18- bis 30-Jährigen mit
      ausreichender schulischer Vorbildung offen, die Entscheidung über eine Aufnahme
      obliegt der Schulleitung, die Probezeit wird auf drei Monate festgelegt, die
      Ausbildungsgebühren belaufen sich auf 75 Mark pro Monat. Als Ausstattung bedarf es
      neben der Bekleidung – bestehend aus weißem Trikot, Trainingsanzug und Turnschuhen –
      zudem noch einer Summe von ca. 100 Mark für Lehrmaterialien wie Bücher, Geräte und
      Rhythmusinstrumente. Die Ausbildung schließt mit einer Prüfung ab, auf die sich die
      Auszubildenden eigenständig vorbereiten. Die staatlich anerkannte Prüfung wird von
      einem Vorstandsmitglied des Deutschen Gymnastik Bundes<tei:note xml:id="ftn13" n="13">
      Der Deutsche Gymnastik Bund als Berufsverband wurde 1925 durch eine
      Initiative von Franz Hilker ins Leben gerufen, um die verschiedenen – oftmals
      konkurrierenden – Strömungen und Richtungen zusammenzuführen. Ziel dieser
      Bestrebungen war es, Regelungen für die Ausbildung, insbesondere aber für die
      Abschlussprüfungen zu erreichen und die Etablierung des staatlich anerkannten
      Berufs Gymnastiklehrer*in umzusetzen. Mit der Einführung der staatlichen
      Prüfungsverfahren im Jahr 1930 wurden die Etablierung des Berufs und die
      Anerkennung der Gymnastik als Teilbereich der Leibeserziehung vollzogen.
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref6" target="#Hilker1935">Hilker
      1935</tei:ref>.
      </tei:note> abgenommen, der an ausgewählten Lehrproben und Lehrstunden des Prüflings
      teilnimmt. Nach erfolgreicher Prüfung und Erteilung der Unterrichtsbefähigung kann
      die Unterrichtserlaubnis bei der Behörde eingeholt und die Mitgliedschaft beim
      Deutschen Gymnastik Bund beantragt werden.</tei:p>
      <tei:p n="11">Nach der inhaltlichen Beschreibung folgt die bildliche Dokumentation der
      Ausbildungsinhalte. Ein großformatiges Foto (S. 21, Abbildung siehe Anhang)
      vermittelt einen Eindruck des Unterrichts, übertitelt ist die Seite mit
      <tei:q>Theoretischer Unterricht</tei:q>. Das Foto zeigt zehn Teilnehmerinnen in
      weißen Trikots oder Trainingsanzügen auf Decken bzw. Tüchern im Kreis um das
      Lehrmaterial sitzend und auf die Dozentin Hedwig Kallmeyer hin ausgerichtet. Die
      praktische Ausbildung in <tei:q>Ruecken-Arbeit</tei:q> im Freien und im Übungsraum
      wird mit zwei Abbildungen präsentiert (S. 23, Abbildung siehe<tei:pb n="228"/> Anhang). Die
      <tei:q>Arbeit mit Geraeten</tei:q> wie Schwing- und Balanceübungen mit dem großen
      und kleinen Ball, ausgeführt von Gisela Heyner, sowie die Gleichgewichtsübung von
      Ilse Krüger auf einem Hocker (S. 25, Abbildung siehe Anhang) werden in einer
      Zusammenschau von fünf Fotos, die teilweise überlappend eingeklebt sind, gezeigt. Den
      Balanceübungen mit dem Stab sind zwei Aufnahmen vorbehalten (S. 27). Alle Aufnahmen
      der Sequenz der Bewegungsarbeit mit Geräten wurden im Übungsraum aufgenommen, der
      Hintergrund ist fast schwarz, die Gymnastikerinnen heben sich in den weißen Trikots
      besonders gut vom Hintergrund ab und sind zum Teil auch gezielt ausgeleuchtet. Die
      nachfolgend abgebildeten <tei:q>Bewegungs-Studien</tei:q> wurden auf einer Wiese
      aufgenommen und sind in Form von zwei Sequenzen mit jeweils drei Bildern ins Album
      eingeklebt. In der ersten Sequenz sind die Fotografien wie ein Band nebeneinander
      angebracht, sie zeigen Frieda Lauterbach in einer gefühlsbetonten Ausdrucksbewegung
      (S. 29). Die Abbildungen einer zweiten Ausdrucksbewegung sind untereinander
      angeordnet und zeigen die Ausbilderin Frieda Lauterbach gemeinsam mit der Schülerin
      Eva von Wepy (S. 31, Abbildung siehe Anhang).</tei:p>
      <tei:p n="12">Da zum Ausbildungsprogramm im Bereich Ausdruck und darstellende Bewegung neben
      Tanz auch Pantomime, Marionettentheater und Laienspiel gehörten, finden sich hierzu
      ebenfalls Beispiele.<tei:note xml:id="ftn14" n="14">
      Zur Bedeutung des darstellenden Spiels und des Laienspiels siehe <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref3" target="#Heckelmann2013">Heckelmann/Schwerdt
      2013</tei:ref> und <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref4" target="#Kaufmann1998">Kaufmann 1998</tei:ref>, zur Etablierung des
      Theaterspiels als Teilbereich der ästhetischen Bildung siehe <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref5" target="#Hentschel1996">Hentschel
      1996</tei:ref>.
      </tei:note> Eine Albumseite mit der Überschrift <tei:q>Laienspiel <tei:title level="m">Der goldene Topf</tei:title></tei:q> enthält vier Aufnahmen einer
      Aufführung des gleichnamigen Märchens von E.T.A. Hoffmann<tei:note xml:id="ftn15" n="15">
      Das Märchen von E.T.A. Hoffmann, das in 12 Vigilien eingeteilt ist, gehört
      zu den erfolgreichsten Märchen und wurde vielfach für das Laienspiel adaptiert.

      </tei:note> (S. 33) und auf der Folgeseite werden drei Szenenbilder von
      <tei:soCalled>Rokuri Kubi</tei:soCalled>, einem fiktiven Wesen aus dem japanischen
      Volksglauben, präsentiert. Der Themenbereich ästhetische Bildung und Gestaltung wird
      im Album durch <tei:q>Schueler – Plastiken</tei:q> dokumentiert: vier Fotografien
      zeigen figürliche Darstellungen aus Ton von Hund, Katze und einer Frau mit
      Kind.</tei:p>
      <tei:p n="13">Nach diesem bildgestützten Einblick in die verschiedenen Ausbildungsbereiche
      endet die bewusst einheitlich gestaltete Dokumentation. Auf den folgenden beiden
      Doppelseiten, die keine Überschrift tragen, sind zentrale Übungen der Ausbildung,
      durchgeführt auf einer Ebene im Freien, zu sehen. Neun Bilder zeigen die
      gymnastischen Übungen von Sitzen (mit und ohne Stuhl), Hocken und Aufrichten (S.
      38/39), zwei Abbildungen veranschaulichen Atemübungen in Einzel- bzw. Partnerarbeit
      als einem zentralen Bereich der Ausbildung zur Atem- und Leibpädagogin (S. 40) sowie
      drei Aufnahmen<tei:pb n="229"/> mit drei bis fünf Personen mit Beispielen von Bewegungsübungen mit den
      Geräten Ball und Stab (S. 41).</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div7">
      <tei:head>Ergänzende Dokumentation der praktischen Arbeit</tei:head>
      <tei:p n="14">Die folgende Doppelseite des Albums – ohne Titel oder Beschriftung – zeigt
      Dokumente aus dem bayerischen Marquartstein. Kallmeyer und Lauterbach hatten Berlin
      im Jahr 1934 verlassen und den Schulstandort nach Marquartstein verlegt. Gefolgt
      waren sie der Einladung von Ernst Hermann Harless,<tei:note xml:id="ftn16" n="16">
      Ernst Herrmann Harless (1887–1961) war bis 1920 als Lehrer an der
      Odenwaldschule und dann seit 1921 gemeinsam mit Alexander Sutherland Neill an
      der <tei:term>Neuen deutschen Schule</tei:term> in der Künstlerkolonie Hellerau
      bei Dresden tätig. Harless war Kallmeyer freundschaftlich verbunden, er hatte
      sie in den 1920er Jahren in Wyk auf Föhr kennengelernt, seine Tochter Ruth, die
      an einem schweren Rückenleiden litt, war 1933 bei Kallmeyer in Berlin in
      Behandlung gewesen und besuchte von 1935 bis 1937 den letzten zweijährigen
      Ausbildungskurs der <tei:hi rend="italic">Schule Kallmeyer-Lauterbach in
      Marquartstein</tei:hi>.
      </tei:note> der 1928 ein koedukatives Landerziehungsheim auf der Burg Marquartstein
      gegründet hatte.<tei:note xml:id="ftn17" n="17">
      Zum Landschulheim Schloss Marquartstein siehe <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref7" target="#Karsten1936">Karsten 1936</tei:ref>.
      </tei:note> Kallmeyer unterrichtete fortan im Landerziehungsheim und die Atem- und
      Leibtherapeutinnen boten Kurse an, für die sie mit einem neu aufgelegten Prospekt der
      <tei:q>Gymnastikschule Kallmeyer-Lauterbach Marquartstein Oberbayern</tei:q>
      warben.<tei:note xml:id="ftn18" n="18">
      Das Deckblatt der Broschüre ist abgedruckt bei <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref8" target="#Steinaecker2000">Steinaecker 2000, S.
      115</tei:ref>.
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="15">Auffallend bei der Betrachtung des Albums ist die Veränderung der Szenerie und
      Kleidung der Abgebildeten: Die Frauen auf den Fotos werden nun nicht mehr
      ausschließlich in Sportkleidung abgebildet, sondern tragen auch Festtags- bzw.
      Alltagskleidung: Eine Aufnahme (auf der linken Albumseite), die vermutlich anlässlich
      des Maifestes entstanden ist, zeigt zehn Frauen auf dem Weg zum Festplatz, auf dem
      der Maibaum aufgerichtet wurde. Die in Sommerkleidern und Dirndl gekleideten Frauen
      gehen in Zweierreihen hintereinander. Zwei junge Frauen führen die Gruppe an, eine
      trägt den Blumenkranz für die Krone des Maibaums auf einem Stab, die andere begleitet
      den Umzug auf einer Ziehharmonika. Ein weiteres Bild zeigt einen Ausschnitt von zwei
      tanzenden Frauen beim Einflechten der Maibänder (S. 42). Auf den Aufnahmen auf der
      rechten Seite (S. 43) sitzt eine Gruppe unter einem Baum, die überwiegend jungen
      Mädchen – vermutlich die Schülerinnen des Landerziehungsheims – halten Text- bzw.
      Notenblätter in den Händen. Die weitere Abfolge der Fotos im Album lässt die
      Vermutung zu, dass es um Stimm- oder Sprachübungen bzw. Einsprechproben für ein nicht
      näher bezeichnetes Laientheaterstück geht, denn Szenenfotos einer Theateraufführung
      sind auf vier Aufnahmen auf den folgenden Seiten zu sehen (S. 45).</tei:p>
      <tei:p n="16"><tei:pb n="230"/>Die letzte Doppelseite des Albums bricht mit der bisherigen Präsentations- und
      Gestaltungsform. Die Beschriftung ist handschriftlich ausgeführt, die Fotos sind
      kleinformatiger. Die Beschriftung <tei:q>Der Totentanz v. Martin Luserke in der
      Burghalle des Landerziehungsheims Marquartstein Seminar 35–37</tei:q> auf der
      linken Seite (S. 48) gibt eine eindeutige inhaltliche und auch zeitliche Zuordnung
      der Fotos.<tei:note xml:id="ftn19" n="19">
      Martin Luserke (1880–1968) war von 1906 bis 1910 als Lehrer im
      Landerziehungsheim Haubinda tätig und leitete von 1910 bis 1924 die Freie
      Schulgemeinde Wickersdorf, wo er seine Ideen des Jugend- und Laienspiels, in
      dem es vorrangig um die Weckung und den ursprünglichen Ausdruck der freien
      Spielnatur ging, erprobte und Stücke für das Laientheater verfasste. 1925
      gründete er auf der Insel Juist die <tei:hi>Schule am Meer</tei:hi>. Siehe
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref9" target="#Luserke1921">Luserke
      1921</tei:ref>, <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref10" target="#Luserke1927">1927</tei:ref>, <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref11" target="#Schwerdt1993">Schwerdt 1993</tei:ref> und
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref12" target="#Dudek2018">Dudek
      2018</tei:ref>.
      </tei:note> Damit erfolgt erstmals und auch einmalig eine zeitliche Einbettung der
      Aufnahmen im gesamten Album.<tei:note xml:id="ftn20" n="20">
      Bei allen übrigen Aufnahmen, die in das Album fest eingeklebt sind, ist
      eine thematische Einordnung und Datierung nur über den Abgleich mit Einzelfotos
      aus der Sammlung Hedwig Kallmeyer möglich.
      </tei:note> Zwei der Abbildungen auf dieser Albumseite zeigen die gesamte
      Theaterspielgruppe beim Einzug in die Burghalle und in der Schlussszene. Die übrigen
      17 Fotos halten die szenischen Gesten des Spiels, teilweise in vergrößerten
      Ausschnitten fest. In der Falz des Albums mit weißem Klebeband befestigt, ist ein
      kleiner weißer Zettel im Format DIN A6 mit einer handschriftlichen Auflistung der
      Teilnehmerinnen und der jeweiligen Rollen<tei:note xml:id="ftn21" n="21">
      Als Mitwirkende werden Frieda Lauterbach (Tod), Ruth Harless (König), Ursel
      Siemers (Wächterin), Heide [Nachname unbekannt, BR] (Bäuerlein), Margret Staub
      (Mädchen), Annemarie Schirren (Richter), Gudrun Stieber (Mutter), Ilse Illing
      (Alte Dame), Ursel Elsässer (Pater) und Wiltrud Koch (Kranke) benannt.
      DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 47.
      </tei:note> sowie einer Textpassage, die Ruth Harless in der Rolle des Königs zu
      sprechen hatte.<tei:note xml:id="ftn22" n="22">
      <tei:quote source="#quoteref38">Es spricht der König (Tod.) Mein Scepter [sic.]
      streckt sich von Süden bis zum Norden. Nun bin ich durch den Tod besiegt und
      schachmatt worden. Das ½ Königreich wollt ich setzen zum Pfand, denn mich
      dünkt, er will behalten die Oberhand. Hätt ich mein Land nur gut regieret und
      mit Tugenden mich gezieret, so möcht ich besser von hinnen fahren! Gott möge
      mein arme Seel bewahren!! Ruth Harless.</tei:quote>
      <tei:ref xml:id="quoteref38" type="bibl" target="#zoteroItem_KBVIA52C">DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, S. 48</tei:ref>. </tei:note> Auf der linken
      Seite (S. 49) sind 13 Fotos von Frauen eingeklebt, deren Namen handschriftlich
      ergänzt wurden. Da fast alle Namen auf der handschriftlichen Besetzungsliste vermerkt
      sind, liegt die Vermutung nahe, dass alle Abgebildeten an dem Lehrkurs in
      Marquartstein teilgenommen haben. Auf der nachfolgenden linken Seite des Albums (S.
      50) findet sich im oberen Bereich die Abbildung eines Beispiels für freien Tanz und
      Pantomime, zwei Frauen als spanisches Paar verkleidet auf dem Faschingsball 1937. Im
      unteren Bereich des Blattes sind zwei Aufnahmen einer Frau im schwarzen
      Trainingsanzug bei Bewegungsübungen mit dem Stab (Werfen und Auffangen) auf einer
      Wiese eingefügt. Die letzte Seite des Albums enthält sechs kleinformatige<tei:pb n="231"/> Aufnahmen
      von Frauen im Freien bei Schwungübungen mit dem Ball und kleinem Reifen,
      Sprungübungen sowie Balanceübungen in Partnerarbeit mit Hilfestellung bzw. als
      Drehkreisel zu zweit. Erklärende Beschriftungen oder Datierungen der Aufnahmen
      fehlen.</tei:p>
      <tei:p n="17">Diese veränderte Form der Ausführung des Fotoalbums ab Seite 42, die
      handschriftlichen Beschriftungen und Anmerkungen und die bisher nicht verwendeten
      Formate der Fotos legen den Schluss nahe, dass diese letzten Seiten des Albums erst
      zu einem späteren Zeitpunkt gestaltet wurden. Im Gegensatz zu der ästhetisch
      ansprechenden, durchkomponierten Gestaltung des überwiegenden Teils des Albums, der
      ganz im Zeichen der Dokumentation der drei Kurstypen der Ausbildungseinrichtung
      Kallmeyer-Lauterbach standen, vermitteln die späteren Seiten den Eindruck, dass noch
      freier Platz im Album genutzt wurde, um Erinnerungsfotos der praktischen Arbeit in
      Marquartstein einzufügen bzw. noch vorhandene thematisch verwandte Aufnahmen
      einzukleben und diese somit zu sichern. Diese Annahme wird auch dadurch gestützt,
      dass sich unter den Fotos Spuren von Bleistiftschraffierungen und einzelne
      Schmutzflecken befinden, die durch das nachträgliche Bekleben kaschiert sind.</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div8">
      <tei:head>Einordnung und Kontextualisierung der Quelle</tei:head>
      <tei:p n="18">Das Fotoalbum stammt aus der <tei:title level="m">Sammlung Hedwig Kallmeyer und
      andere Leibpädagoginnen</tei:title>, die im Archiv der BBF | Bibliothek für
      Bildungsgeschichtliche Forschung, Abteilung des DIPF | Leibniz-Institut für
      Bildungsforschung und Bildungsinformation verwahrt wird.<tei:note xml:id="ftn23" n="23">
      Der Großteil der Sammlung zu Hedwig Kallmeyer und anderen Atem- und
      Leibpädagoginnen wurde dem BBF-Archiv 2017 von Frau Dr. von Steinaecker
      übergegeben, im Januar 2018 erfolgte eine Ergänzung durch Dokumente zur
      Mazdaznan-Gesellschaft, eine lebensreformerische Gemeinschaft, die von 1890 bis
      zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten 1933 zahlreiche Anhänger hatte
      (weiterführend <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref13" target="#Steinaecker2000">Steinaecker 2000</tei:ref>, S. 94–102). Bei der
      Sammlung handelt es sich um Materialien aus dem Nachlass von Hedwig Kallmeyer,
      die ihre Schülerin Ruth Heyden-Harless verwahrt hatte, und um Dokumente, die im
      Rahmen der Recherche zum Buch <tei:hi>Luftsprünge</tei:hi> von Steinaecker, in
      dem die Anfänge der Körpertherapien Ende des 19. bzw. Anfang des 20.
      Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum beschrieben werden, entstanden sind. Das
      Material hat einen Umfang von zwei laufenden Metern (26 Akteneinheiten, 275
      Verzeichnungseinheiten zu Fotografien und Fotoalben, 10 Toneinheiten), die
      Unterlagen stammen aus den Jahren 1907 bis 2009, die Überlieferungsschwerpunkte
      liegen etwa zwischen 1907 und 1937 sowie 1995 bis 2009. Zugang zu den
      Bestandsangaben über: <tei:ptr target="http://archivdatenbank.bbf.dipf.de/actaproweb/archive.xhtml?id=Best++++FEF2251D-6E1D-402A-84A9-52BE99427F9D#Best____FEF2251D-6E1D-402A-84A9-52BE99427F9D"/>.
    </tei:note>
      <tei:pb n="232"/></tei:p>
      <tei:figure xml:id="b27_a10_f2">
        <tei:graphic n="1002" width="800px" height="961px" url="https://scripta.bbf.dipf.de/viewer/api/v1/records/KALL_UeF_1_Vz______E1384A77-322F-4596-8458-B1ED9D52A089/files/images//00000001.tif/22,7,4365,5246/max/0/default.jpg" rend="block"/>
        <tei:head type="legend">Abb. 2: Diplom der New-York School of Expression, 1907.
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL ÜF 1</tei:head>
      </tei:figure>
      <tei:p n="19">Hedwig Kallmeyer wurde am 16. Juni 1881 als zweite Tochter des Gummifabrikanten
      Hans Simon und seiner Frau Ida in Stuttgart geboren. Als Jugendliche interessierte
      sie sich insbesondere für die Kleidungs- und Ernährungsreformbewegung und lernte in
      Folge einer eigenen Erkrankung die Heilgymnastik als Therapiemöglichkeit kennen. Nach
      Abschluss der Schule absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung bei Geneviève
      Stebbins an der<tei:pb n="233"/> <tei:hi>New-York School of Expression</tei:hi> und schloss diese mit
      dem Examen am 9. Mai 1907 ab.</tei:p>
      <tei:p n="20">Im Anschluss ging sie nach England, hier besuchte sie für ein Jahr eine private
      Ausbildungsanstalt für Calisthenic.<tei:note xml:id="ftn24" n="24">
      Die spezielle Gymnastik für Mädchen gelangte um das Jahr 1829 über England
      nach Deutschland und bestand zum größten Teil aus klar vorgegebenen
      Ordnungsübungen, Reigentänzen und Phantasietänze, die der <tei:quote source="#quoteref14">Schönstärkung (Kallisthenie) und Übung der Schönheit
      und Kraft für Mädchen</tei:quote> dienen sollten; freiere, dynamische
      Bewegungen, Sprünge und Grätschübungen waren nicht vorgesehen. <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref14" target="#Steinaecker2000">Steinaecker 2000,
      S. 37</tei:ref>. Siehe auch <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref15" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer 1919, S. 181–184</tei:ref>.
      </tei:note> Nach der Rückkehr nach Deutschland heiratete sie am 25. Januar 1909 den
      Arzt Ernst Kallmeyer<tei:note xml:id="ftn25" n="25">
      Ernst Kallmeyer leitete kurzzeitig die <tei:hi>Naturheilanstalt
      Erdsegen</tei:hi> in Brannenburg in Oberbayern, die allerdings 1909 Konkurs
      anmeldete, und hatte 1908 im gleichnamigen Verlag eine Schrift mit dem Titel
      <tei:title level="s"><!-- im Original kursiv -->In Harmonie mit den
      Naturgesetzen. Die echte Geistes- und Körperpflege</tei:title>
      veröffentlicht. Ein kleiner Auszug des Buches wurde unter der Überschrift
      <tei:title level="a">Die Ehe</tei:title> in der Zeitschrift <tei:title level="s">Reformblätter</tei:title> (Jg. 11, 1908, S. 199–204) im Rahmen der
      maßgeblich von Magnus Hirschfeld geführten Diskussion um das dritte Geschlecht
      und die Diskussion um den § 175 abgedruckt.
      </tei:note> und eröffnete kurz danach in Berlin eine Schule für <tei:hi>Künstlerische
      Gymnastik nach G. Stebbins</tei:hi> ganz in der Nähe des Schlachtensees in der
      Albrechtstrasse 11 (Villa Fritsch). Das Ehepaar ließ sich am 15. Dezember 1915
      scheiden und nach der Geburt ihres vierten Kindes zog Kallmeyer 1917 nach Breslau und
      verlagerte auch den Standort der Schule dorthin. Die Schulleitung führte sie nun
      gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Frieda (Rune) Lauterbach,<tei:note xml:id="ftn26" n="26">
      Frieda Lauterbach wurde am 5. Oktober 1897 in Breslau geboren und wuchs
      gemeinsam mit ihren sechs Geschwistern in einem wohlhabenden und liberalen
      Haushalt auf, ihre Mutter Frieda geb. Lange war Hausfrau, der Vater Heinrich
      Lauterbach war im Holzhandel tätig und betrieb in Breslau eine
      Parkettfabrik.
      </tei:note> die nach einer abgeschlossenen Tanzausbildung bei Mary Wigmann den
      Berufsausbildungskurs in Atem- und Bewegungsbildung bei Hedwig Kallmeyer in Berlin
      besucht hatte und nach bestandener Prüfung zunächst selbst als Ausbilderin an der
      Schule tätig gewesen war. Hedwig Kallmeyer pflegte enge Kontakte zu verschiedenen
      Vertreter*innen der Reformpädagogik sowie der Frauen- und Jugendbewegung. Mit dem
      Künstler und Lebensreformer Fidus (Hugo Höppener 1868–1948) und der Schriftstellerin
      Gertrud Prellwitz (1896–1942) beispielsweise war das Ehepaar Kallmeyer eng
      befreundet. In Niederschreiberau bei Breslau, wo Gertrud Prellwitz gemeinsam mit Elsa
      Höppener (1877–1915) lebte, führte Hedwig Kallmeyer unter anderem auch regelmäßige
      Ausbildungskurse durch. Nach Kriegsende 1919 verließen die beiden Frauen Breslau und
      eröffneten unter gemeinsamer Leitung die <tei:hi>Gymnastikschule
      Kallmeyer-Lauterbach</tei:hi> mit Sitz in Berlin-Lichterfelde, Lorenzstraße 7.
      Neben den üblichen Gymnastikangeboten und Ausbildungskursen für Frauen in Berlin
      führten sie regelmäßige Ferienkurse auf Hiddensee<tei:pb n="234"/> durch. Im Jahr 1934 folgte der
      Umzug der Ausbildungsanstalt nach Marquartstein in Bayern. Dort boten die beiden
      Atem- und Leibtherapeutinnen weiterhin Kurse an und Hedwig Kallmeyer unterrichtete
      unter Leitung von Ernst Hermann Harless zudem auch die Schüler*innen des koedukativen
      Landerziehungsheims auf Schloß Marquartstein. Als Frieda Lauterbach im Jahr 1938 ihre
      Mitwirkung in der Schulleitung aufgab, wurde die Gymnastikschule aufgelöst. Ob dieses
      Ende persönliche, wirtschaftliche oder andere Gründe hatte oder gar politisch
      motiviert war, konnte nicht genau ermittelt werden. Frieda Lauterbach verließ
      Marquartstein und zog 1939 nach Hamburg, wo sie fortan in einer Privatpraxis für
      Atem- und Bewegungsunterricht tätig war. Frieda Lauterbach verstarb am 18. April 1956
      in Hamburg. Hedwig Kallmeyer blieb auf Marquartstein und verstarb am 23. Juni
      1976.</tei:p>
      <tei:p n="21">Die wenigen biographischen Angaben und auch die Dokumentation der praktischen
      Arbeit in der Gymnastikschule von Kallmeyer und Lauterbach machen deutlich, dass
      beide Frauen, maßgeblich von den Reformbewegungen, die sich in der Umbruchsphase des
      späten Kaiserreichs zur Weimarer Republik entwickelt hatten und die als eine Reaktion
      auf die tiefgreifenden ökonomischen, technischen, gesellschaftlichen und politischen
      Veränderungen gewertet werden können, geprägt waren.<tei:note xml:id="ftn27" n="27">
      Einen Überblick über die vielfältigen Reformbestrebungen zwischen 1880 und
      1933, die nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens tangierten, gibt
      das Handbuch der deutschen Reformbewegungen von <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref16" target="#Kerbs1998">Kerbs/Reulecke
      1998</tei:ref>.
      </tei:note> Das frühe 20. Jahrhundert und die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges
      wurden von einem Teil der Gesellschaft als Bedrohung, von einem anderen Teil als
      Herausforderung und Fortschritt wahrgenommen. Vielfältige Formen der Körperkultur
      waren nicht nur in den Aktivitäten der Jugendbewegung zu beobachten. Wandern,
      Gymnastik, Sport, Spiel, Tanz und rhythmisches Bewegungsspiel gewannen eine
      zunehmende Bedeutung, wie die zahlreichen zeitgenössischen Publikationen
      belegen.<tei:note xml:id="ftn28" n="28">
      Zum Zusammenhang zwischen Leibesübung, Körperkulturbewegung, Gymnastik und
      Jugendbewegung siehe die Beiträge von <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref17" target="#Wedemeyer-Kolwe2004">Wedemeyer-Kolwe 2004</tei:ref>, <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref18" target="#Wedemeyer-Kolwe2013">2013</tei:ref>
      und <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref19" target="#Korn1963">Korn
      1963</tei:ref>.
      </tei:note> Die Lebensreformbewegung hatte bei vielen Frauen zu einem veränderten
      Körperbewusstsein und Körpergefühl geführt, das sich in einer Lust an der Bewegung
      und im Drang nach körperlicher Betätigung im Freien äußerte. Die Lebensreformer*innen
      sahen in der körperlichen Bildung einen Teil der allseitigen harmonischen Bildung des
      Menschen und maßen ihr eine ausgleichende und stabilisierende Wirkung in der sich
      durch Technik und Industrialisierung wandelnden Welt bei. Bei gymnastischen Übungen
      sollte die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit und den eigenen Körper im
      Vordergrund stehen, rhythmische Körpererfahrung und Ausdrucksgymnastik sollten dazu
      beitragen, innere Spannungen, Belastungen und Hemmungen abzubauen.</tei:p>
      <tei:p n="22"><tei:pb n="235"/>Die beiden Frauen, die in liberalen und gut situierten Elternhäusern aufgewachsen
      waren und eine solide Berufsausbildung genossen hatten, gehörten eindeutig zu der
      Gruppe derjenigen, die als <tei:soCalled>reformfreudig</tei:soCalled> einzustufen
      ist. Kulturkritische Ansätze, reformpädagogische Ideen, die Abkehr vom Großstadtleben
      und die Sehnsucht nach einfachen Lebensformen, Naturverbundenheit und nicht zuletzt
      der Wunsch nach einem Leben in der Gemeinschaft mit Gleichgestimmten ziehen sich wie
      ein roter Faden durch die Konzeption der Ausbildungsstätte und Programme. Eindeutig
      sind die Verbindungslinien zwischen der Körperkultur- bzw. Gymnastikbewegung<tei:note xml:id="ftn29" n="29">
      Zu den Anfängen der modernen Körper- und Atemtherapie und zur Entwicklung
      der Gesundheitsfachberufe siehe grundlegend <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref20" target="#Steinaecker2000">Steinaecker
      2000</tei:ref>.
      </tei:note> und der Frauen- und Jugendbewegung aber auch die zur
      Volksbildungsbewegung,<tei:note xml:id="ftn30" n="30">
      Insbesondere auf dem Gebiet der ästhetischen Bildung, der
      Freizeitgestaltung und der Angebote für Frauen und Mädchen finden sich
      auffallende Parallelen zur praktischen Arbeit in der Erwachsenenbildung des
      frühen 20. Jahrhunderts. <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref21" target="#Reimers2003">Reimers 2003</tei:ref>.
      </tei:note> zur Landerziehungsheimbewegung und zu den freien Reformschulen. Hier gab
      es vielfach persönliche Kontakte zu den prägenden Vertreter*innen und auch wenn in
      ihren einschlägigen Schriften nur wenig Bezug auf die Leib- und Atempädagoginnen
      genommen wurde, sind die Denkfiguren und auch Bezugnahmen offenkundig:</tei:p>
      <tei:p n="23">Clara Schlaffhorst (1863–1945) und Hedwig Andersen (1866–1957) beschäftigten sich
      bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Thema der Atem-, Sprech- und
      Stimmerziehung.<tei:note xml:id="ftn31" n="31">
      Siehe weiterführend <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref22" target="#Schlaffhorst1909">Schlaffhorst/Andersen 1909</tei:ref>, <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref23" target="#Schlaffhorst1928">1928</tei:ref>.
      Beiden Atemtherapeutinnen war das Buch von <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref24" target="#Hackmann1918">Hackmann (1918)</tei:ref>
      gewidmet.
      </tei:note> Die Amerikanerin Bess Mensendieck (1864–1957) löste mit ihrem Buch
      <tei:title level="s"><!-- Werktitel, eigentlich in Anführungszeichen -->Die
      Körperkultur des Weibes</tei:title>, erschienen im Jahr 1906, eine erste Welle der
      Frauengymnastik in Deutschland aus und seit 1909 begann Hedwig Kallmeyer, die in
      Amerika bei Geneviève Stebbins (1857–1934)<tei:note xml:id="ftn32" n="32">
      Stebbins wirkte von 1875 bis 1885 als Schauspielerin in New York,
      unterrichtete an der Schauspielschule in Boston das
      <tei:q>Delsarte-System</tei:q>, hielt Vorträge und eröffnete dann gemeinsam
      mit ihrer Schwägerin Mary S. Thompson zwei Delsarte-Schulen in Boston und New
      York, nach ihrer Scheidung 1892 schied Stebbins aus der Schulleitung aus. Von
      1893 bis zu ihrem Ruhestand 1907 betrieb sie die <tei:hi>Schule für
      Ausdruck</tei:hi> in der Carnegie Music Hall in New York, ihr Ehemann Mr.
      Ashtley übernahm die Geschäftsleitung. Die Grundzüge ihrer Arbeit formulierte
      sie in der Publikation <tei:title level="s"><!-- im Original kursiv -->The
      Genevieve Stebbinssystem of physical Training. New York (1899)</tei:title>.
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref25" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer
      1910, S. 9f</tei:ref>.
      </tei:note> ihre Ausbildung absolviert hatte, mit dem Lehrbetrieb in Berlin. Der
      gymnastische Unterricht orientierte sich an den Übungen und Übungsfolgen mit und ohne
      Gerät, die Kallmeyer 1910 in dem Buch <tei:title level="s"><!-- im Original kursiv -->Künstlerische Gymnastik. Harmonische Körperkultur nach
      dem amerikanischen System Stebbins-Kallmeyer</tei:title> dargelegt hatte. Zur
      Veranschaulichung der Übungen enthält das Buch zahlreiche Fotografien der bekannten
      Berliner<tei:pb n="236"/> Fotografin Hänse Herrmann,<tei:note xml:id="ftn33" n="33">
      Die Fotografin Hänse Herrmann betrieb die Werkstatt für Lichtbildnisse und
      hatte ihr Atelier in der Potsdamerstraße 134 a, sie war ab dem 16. September
      1908 Mitglied im Photographischen Verein zu Berlin und wirkte in Berlin von
      1908 bis 1930.
      </tei:note> die Kallmeyer in den Übungspositionen zeigen sowie weitere anatomische
      Abbildungen. Der Lehrplan des Instituts für Körper- und Ausdruckskultur, der am Ende
      des Buches als Informationsmaterial und zu Werbezwecken für das neue Institut
      abgedruckt ist, gliedert sich in die Angebotsteile Berufsausbildung, private Kurse
      und therapeutische Unterstützung.<tei:note xml:id="ftn34" n="34">
      Vgl. <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref26" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer 1910, Anhang</tei:ref>.
      </tei:note> Im Bereich der Berufsausbildung werden drei Ausrichtungen benannt:
      Qualifizierung zur Lehrerin in ästhetisch-hygienischer Gymnastik, <tei:q>System
      Stebbins-Kallmeyer</tei:q> mit Ausstellung eines Zeugnisses, Ausbildung zur
      klassischen Tänzerin bzw. zur <tei:q>plastischen Darstellung der Musik</tei:q>,
      Ausbildung im Ausdruckstanz für die Bühne nach dem
      <tei:q>System-Delsarte</tei:q>.<tei:note xml:id="ftn35" n="35">
      Der Sänger Francois Delsarte (1811–1871) entwickelte Methoden für den
      Gesangs- und Schauspielunterricht, trainierte Sänger*innen, Künstler*innen und
      Schauspieler*innen, allerdings hinterließ er keine schriftlichen
      Aufzeichnungen. Seine Ansätze, Stimme, Atmung und die Dynamik der Bewegung als
      Ausdruckselemente des menschlichen Körpers zu nutzen, beeinflussten die
      Körperkulturbewegung, Theater und Tanz nachhaltig. Genevieve Stebbins
      verbreitete diese Idee und machte sie zu einem Bestandteil der Ausbildung im
      modernen Ausdruckstanz. Weiterführend siehe <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref27" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer 1910, S.
      6–9</tei:ref>.
      </tei:note> Im Rahmen von Privatkursen wird ästhetisch-hygienische Gymnastik zur
      Bildung des Körpers und Stimmbildung angeboten, im therapeutischen Bereich stehen
      Kurse zur rhythmischen und dynamischen Atmung, Übungen gegen Verkrampfungen und
      Schlaflosigkeit, Übungen bei Haltungsschäden und Unterleibsgymnastik für Mädchen und
      Frauen auf dem Programm.</tei:p>
      <tei:p n="24">Hedwig Kallmeyer beschreibt in ihrem Buch das Ziel der künstlerischen Gymnastik
      1910 wie folgt:</tei:p>
      <tei:cit>
        <tei:quote source="#quoteref34">Wie in der Erziehung im allgemeinen nicht
        Einseitigkeit, sondern Vielseitigkeit, Harmonie angestrebt werden muss, um
        befriedigende Resultate erreichen zu können, so hat wiederum auch innerhalb der
        körperlichen Schulung Vielseitigkeit zu walten, da Einseitigkeit eine
        unharmonische körperliche Ausbildung im Gefolge haben würde.</tei:quote>
      </tei:cit>
      <tei:note xml:id="ftn36" n="36">
        <tei:ref xml:id="quoteref34" type="bibl" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer
        1910, S. 32</tei:ref>.
      </tei:note>
      <tei:pb n="237"/>
      <tei:figure xml:id="b27_a10_f3">
        <tei:graphic n="1003" width="800px" height="1164px" url="https://pictura.bbf.dipf.de/viewer/api/v1/records/176391_89350651-53ec-4421-a21b-1561384935de/files/images/kall_foto_040-1.tif/120,83,7476,11049/800,/0/default.jpg" rend="block"/>
        <tei:head type="legend">Abb. 3: Hedwig Simon, 1908. Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL
        FOTO 40</tei:head>
      </tei:figure>
      <tei:p n="25"><tei:pb n="238"/>Als Vertreterin einer ganzheitlichen, harmonischen Körperausbildung lehnte sie
      eine einseitige Körperausbildung mit Reduzierung des Bewegungsunterrichts auf das
      Frauenturnen zur Körperertüchtigung und Kräftigung vehement ab und schloss die
      Übernahme von Elementen der in England erlernten Methode kategorisch aus. Hierzu
      erklärte sie:</tei:p>
      <tei:cit>
        <tei:quote source="#quoteref28">Mit großen Erwartungen reiste ich s. Zt. nach
        England, um die englische Calisthenics in ihrem Ursprungslande zu studieren, aber
        so groß meine Erwartungen gewesen, so groß war auch meine Enttäuschung. Ich habe
        trotzdem ein ganzes Jahr an dieses Studium gewendet, um einen gründlichen Einblick
        zu erhalten, habe aber vor allem gelernt, wie ästhetisches Frauenturnen n i c h t
        beschaffen sein soll.</tei:quote>
      </tei:cit>
      <tei:note xml:id="ftn37" n="37">
        <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref28" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer
        1910, S. 181</tei:ref>.
      </tei:note>
      <tei:p n="26">In Anlehnung an den für eine gelingende Erziehung postulierten Dreiklang von
      <tei:q>Intellekt, Gemüt und Körper</tei:q> benennt Kallmeyer die drei Elemente
      <tei:quote source="#quoteref29">Atmung – Schlaffmachen –
      Muskelanspannen</tei:quote><tei:note xml:id="ftn38" n="38">
      Im Original sind die drei Worte sperrig gedruckt. Sicherlich wurde diese
      Typographie gewählt, um die zentrale Bedeutung dieser Begriffe für die
      Konzeption zu unterstreichen. <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref29" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer 1910, S. 32</tei:ref>.
      </tei:note> als zentrale Bereiche der Körperausbildung. Für die eigene Konzeption
      einer ästhetischen Gymnastik übernimmt sie Elemente des
      <tei:q>Systems-Stebbins</tei:q> und des <tei:q>Systems-Delsarte</tei:q> und
      entwickelt weitere Übungen, die auf dem eigenen Erleben (Wirkung der Heilgymnastik in
      der Kindheit und Jugend), der Ausbildung in Gymnastik und Tanz (klassischer und
      moderner Ausdruckstanz) und der Ausbildung in Atem-, Stimm- und Sprecherziehung sowie
      Erfahrungen im darstellenden Spiel und Pantomime basieren. Kallmeyer bringt so den
      ganz persönlichen Erfahrungsschatz aus verschiedenen Bereichen zusammen, formt ihn
      neu und entwickelt ihn in ihrem System weiter. Lehrmaterialien des <tei:q>Systems
      Kallmeyer</tei:q> im eigentlichen Sinne sind nicht überliefert. Bereits 1910
      schrieb Kallmeyer: <tei:quote source="#quoteref30">Um das Buch nicht unnötig zu
      belasten, habe ich nur eine Auswahl [der Übungen und Übungsfolgen, B.R.] zum
      Abdruck gebracht. Alles übrige Material erhalten meine Schülerinnen im
      Unterricht</tei:quote><tei:note xml:id="ftn39" n="39">
      <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref30" target="#Kallmeyer1910">Kallmeyer
      1910, S. 121</tei:ref>.
      </tei:note> also durch die Praxis, die Ausübung und Anwendung. Auch in den späteren
      Jahren erfolgte keine zusammenfassende Darlegung der Übungen oder Publikation einer
      systematischen Lehre. Die Ausbildung war rein erfahrungszentriert, zentral in der
      Vermittlung waren die Persönlichkeit und die eigene <tei:q>Körpersprache</tei:q> der
      Lehrerin, sie waren das Modell, an dem sich die Schülerinnen orientierten. Von
      Steinaecker beschreibt das Verhältnis zwischen Lehrerin und Schülerin wie
      folgt:</tei:p>
      <tei:cit>
        <tei:quote source="#quoteref31">Sie hatten z.T. noch keine Sprache gefunden für das,
        was sie suchten. Sie waren wie Menschen, die sich im Ausland befinden und in ihrer
        Sprache nicht verstanden<tei:pb n="239"/> werden und dann die Körpersprache zu Hilfe nehmen, um
        sich verständlich zu machen. Trotz des individuellen sprachlichen
        Ausdrucksvermögens jedes einzelnen Menschen [sic], ist die Körpersprache ganz
        allgemein ein universaleres Ausdrucks- und Kommunikationsmittel als irgendeine
        gesprochene Sprache.</tei:quote>
      </tei:cit>
      <tei:note xml:id="ftn40" n="40">
        <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref31" target="#Steinaecker2000">Steinaecker
        2000, S. 119</tei:ref>.
      </tei:note>
      <tei:p n="27">Insbesondere vor der Einführung einer staatlichen Abschlussprüfung für
      Gymnastikerinnen war die Ausbildung und Zertifizierung der Teilnehmerinnen in dem
      speziellen System der Ausbildungsanstalt von zentraler Bedeutung. Die Ausbildung
      basierte auf dem speziellen Ausbildungsverhältnis von Lehrer*innen bzw. Meister*innen
      und Schüler*innen, die das erlernte System nach Abschluss der Ausbildung und
      Aushändigung des Diploms dann eigenständig weiter vertreten konnten.<tei:note xml:id="ftn41" n="41">
      Zu nennen sind Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950) mit der Schule für
      angewandte Rhythmik in Dresden Hellerau; Hedwig von Rhoden (1890–1987) und
      Louise Langgard (1883–1974), die 1912 in Kassel ein privates
      Gymnastiklehrerinnenseminar und 1919 die Siedlungsgemeinschaft Loheland
      gründeten; Bess Mensendieck (1864–1957), nach deren System mehrere Schulen
      ausbildeten; Rudolf Bode (1881–1970), der eine Gymnastikschule für organische
      Bewegungslehre in München gegründet hatte und dessen Anhänger sich schließlich
      im Bode-Bund zusammenschlossen; Rudolf von Laban (1879–1958) besonders als
      Vertreter des modernen Ausdruckstanzes. Siehe weitere Quellenangaben zu den
      Schulen im Anmerkungsapparat bei <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref32" target="#Reimers2003">Reimers 2003 S. 454</tei:ref>.
      </tei:note> Vor dem Hintergrund dieser speziellen Ausbildungssituation und der
      enormen Konkurrenz der Systeme und Schulen ist auch nachvollziehbar, dass es während
      der Ausbildungskurse untersagt war, andere Anstalten zu besuchen bzw. selbst
      Unterricht zu erteilen. Und auch nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung
      gestaltete sich das Leben der Gymnastikerinnen in der Regel schwierig: Sie erhielten
      keine Anstellung an staatlichen Schulen, waren daher meist selbständig und
      unterrichteten oftmals zunächst an den Schulen, in denen sie selbst ausgebildet
      worden waren. Zudem versuchten sie, Teilnehmerinnen für private Kurse zu gewinnen
      bzw. boten Kurse in Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen an, da hier in
      der Regel ein Übungsraum zur Verfügung stand.<tei:note xml:id="ftn42" n="42">
      Vgl. <tei:ref type="bibl" xml:id="quoteref33" target="#Reimers2003">Reimers
      2003, S. 456f</tei:ref>.
    </tei:note>
      </tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div9">
      <tei:head>Schlussbemerkung – Bedeutung der Quelle </tei:head>
      <tei:p n="28">Vor dem Hintergrund, dass vielfach schriftliche Äußerungen und systematische
      theoretische Grundlegungen der Vertreterinnen der Leib- und Atempädagogik fehlen und
      wenn überhaupt nur die Schulungsprogramme und Kursankündigungen in Form von Werbungen
      in den einschlägigen Zeitschriften der Gymnastikbewegung bzw. in Tageszeitungen
      auffindbar sind,<tei:pb n="240"/> stellt das Fotoalbum der Gymnastikschule Kallmeyer-Lauterbach eine
      interessante Quelle dar. Die ikonische Überlieferung veranschaulicht die gelebte
      Praxis, die sich allein mit den schriftlichen Zeugnissen der Programmankündigungen
      nicht rekonstruieren lassen würde. Erst in der Kombination von bildhaften und
      schriftlichen Zeugnissen wie privaten Äußerungen in Form von Briefen, Tagebüchern
      oder Interviews kann die konzeptionelle und theoretisch fundierte Körperarbeit
      nachvollzogen und gewürdigt werden. Zudem gewährt die bildhafte Überlieferung einen
      anschaulichen Einblick in die Körper- und Atemtherapie als einem neuen Berufsfeld für
      Frauen.</tei:p>
    </tei:div>
  </tei:body>
  <tei:back>
      <tei:div xml:id="div-bibl" type="bibliography">
        <tei:listBibl>
          <tei:head>Quellen und Literatur</tei:head>
          <tei:desc>Bibliographie online verfügbar auf
            <tei:ptr target="https://www.zotero.org/groups/4596542/collections/DYDGHEBY"/>.
          </tei:desc>
          <tei:listBibl>
          <tei:head>Quellen</tei:head>
        <tei:listBibl type="notprintedsources">
          <tei:head>Ungedruckte Quellen</tei:head>
          <tei:bibl xml:id="zoteroItem_KBVIA52C">DIPF | Leibniz-Institut für
          Bildungsforschung und Bildungsinformation, BBF | Bibliothek für
          Bildungsgeschichtliche Forschung – Archiv (DIPF/BBF/Archiv): Sammlung Hedwig
          Kallmeyer und andere Atem- und Leibpädagoginnen, KALL FOTO 1. Fotoalbum Schule
          Kallmeyer-Lauterbach 1935–1937.</tei:bibl>
          <tei:bibl xml:id="zoteroItem_WKG8IJ8H">DIPF | Leibniz-Institut für
          Bildungsforschung und Bildungsinformation, BBF | Bibliothek für
          Bildungsgeschichtliche Forschung – Archiv (DIPF/BBF/Archiv): Sammlung Hedwig
          Kallmeyer und andere Atem- und Leibpädagoginnen, KALL FOTO 8–55. Diverse
          Einzelaufnahmen.</tei:bibl>
          <tei:bibl xml:id="zoteroItem_B6G8UDCW">DIPF | Leibniz-Institut für
          Bildungsforschung und Bildungsinformation, BBF | Bibliothek für
          Bildungsgeschichtliche Forschung – Archiv (DIPF/BBF/Archiv): Sammlung Hedwig
          Kallmeyer und andere Atem- und Leibpädagoginnen, KALL FOTO 53. Fotoalbum
          Hiddensee 1935–1937.</tei:bibl>
        </tei:listBibl>
        <tei:listBibl type="printedsources">
          <tei:head>Gedruckte Quellen</tei:head>
          <tei:bibl xml:id="Kallmeyer1910a">Lehrplan des Instituts für Körper und
          Ausdruckskultur 1910. Kallmeyer (1910), o. S. Anhang.</tei:bibl>
        </tei:listBibl>
      </tei:listBibl>
      <tei:listBibl type="literature">
        <tei:head>Literatur</tei:head>
        <tei:bibl xml:id="Dudek2018">Dudek, Peter (2018): <tei:q>Alles braver Durchschnitt</tei:q>?
        Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: Jahrbuch für
        Historische Bildungsforschung 23, Bad Heilbrunn, S. 234–279.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Hackmann1918">Hackmann, Hans (1918): Die Wiedergeburt der Tanz- und
        Gesangskunst aus dem Geist der Natur. Jena.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Heckelmann2013">Heckelmann, Heike/Schwerdt, Ulrich (2013):
        Darstellendes Spiel. In: Keim, Wolfgang/Schwerdt, Ulrich (Hg.): Handbuch der
        Reformpädagogik (1890–1933). Teil 2: Praxisfelder und pädagogische
        Handlungssituationen. Frankfurt am Main, S. 1145–1168.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Hentschel1996">Hentschel, Ulrike (1996): Theaterspielen als
        ästhetische Bildung. Über einen Beitrag produktiven künstlerischen Gestaltens zur
        Selbstbildung. Weinheim.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Hilker1935">Hilker, Franz (1935): Deutsche Gymnastik.
        Leipzig.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Kallmeyer1910">Kallmeyer, Hade (1910): Künstlerische Gymnastik –
        Harmonische Körperkultur nach dem amerikanischen System Stebbins-Kallmeyer.
        Kulturverlag Schlachtensee-Berlin. [1970 überarbeitete Auflage mit dem Titel:
        Heilkraft durch Atem und Bewegung. Hippokrates Verlag: Stuttgart]</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Kallmeyer1926">Kallmeyer, Hedwig (1926): Aus der Arbeit von
        Genevieve Stebbins. In: Gymnastik 1 (1926), 5/5, S. 74–82.</tei:bibl>
        <tei:bibl xml:id="Karsten1936">Karsten, Otto (1936): Das Landerziehungsheim auf
        Schloss und Burg Marquartstein. In: <tei:q>Die Frau</tei:q> Blätter der Frankfurter Zeitung,
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        <tei:bibl xml:id="Kaufmann1998">Kaufmann, Andreas (1998): Theaterreform und
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        <tei:bibl xml:id="Korn1963">Korn, Elisabeth (1963): Das neue Lebensgefühl in der
        Gymnastik. In: Korn, Elisabeth/Supper, Otto/Vogel, Karl (Hg.): Die Jugendbewegung
        Welt und Wirkung. Zur 50. Wiederkehr des Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen
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        <tei:bibl xml:id="Mensendieck1906">Mensendieck, Bess (1906): Körperkultur des Weibes.
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        <tei:bibl xml:id="Kerbs1998">Kerbs, Diethard/Reulecke, Jürgen (Hg.) (1998): Handbuch
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        <tei:bibl xml:id="Luserke1921">Luserke, Martin (1921): Shakespeare-Aufführungen als
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        <tei:bibl xml:id="Luserke1927">Luserke, Martin (1927): Jugend- und Laienbühne. Eine
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        <tei:bibl xml:id="Reimers2003">Reimers, Bettina Irina (2003): Die neue Richtung der
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        <tei:bibl xml:id="Schlaffhorst1909">Schlaffhorst, Clara/Andersen, Hedwig (1909): Die
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        <tei:bibl xml:id="Schlaffhorst1928">Schlaffhorst, Clara/Andersen, Hedwig (1928):
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        <tei:bibl xml:id="Steinaecker2000">Steinaecker, Karolin von (2000): Luftsprünge.
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        <tei:bibl xml:id="Schwerdt1993">Schwerdt, Ulrich (1993): Martin Luserke (1880–1968).
        Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer
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        <tei:bibl xml:id="Wedemeyer-Kolwe2004">Wedemeyer-Kolwe, Bernd (2004): <tei:q>Der Neue
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        <tei:bibl xml:id="Wedemeyer-Kolwe2013">Wedemeyer-Kolwe, Bernd (2013): Leibesübungen.
        In: Keim, Wolfgang/Schwerdt, Ulrich (Hg.): Handbuch der Reformpädagogik
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        <tei:bibl xml:id="Wunsch1986">Wunsch, Albert (1986): Die Idee der
        <tei:q>Arbeitsgemeinschaft</tei:q>. Eine Untersuchung zur Erwachsenenbildung in der Weimarer
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      </tei:listBibl>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="div-source">
      <tei:head>Quelle: Auszüge aus dem Album</tei:head>
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        <tei:head type="legend">Gymnastische Übungen im Rahmen eines Ferienkurses auf Hiddensee, vermutlich 1928<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl. 5
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        <tei:head type="legend">Gymnastische Übungen und Atemübungen im Rahmen eines Ferienkurses auf Hiddensee, vermutlich 1928<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl. 7
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        <tei:head type="legend">Hedwig Kallmeyer bei der theoretischen Unterweisung der Teilnehmerinnen eines Ferienkurses auf Hiddensee, vermutlich 1928<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl.21
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        <tei:head type="legend">Gymnastische Übungen im Rahmen eines Ferienkurses auf Hiddensee, vermutlich 1935<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl. 23
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        <tei:head type="legend">Gisela Heyner und Ilse Krüger bei gymnastischen Übungen mit Geräten, vermutlich 1936<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl. 25
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        <tei:head type="legend">Gefühlsbetonte Ausdrucksstudie ausgeführt von Frieda Lauterbach und Eva von Wepy, vermutlich 1935<tei:lb/>
        Quelle: DIPF/BBF/Archiv: KALL FOTO 1, Bl. 31
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