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    <tei:titleStmt>
      <tei:title type="main">Literalität, politische Exklusion, Schulexpansion</tei:title>
      <tei:title type="sub">Eine Forschungshypothese über die Auswirkungen der literalitätsbasierten Regulierung des Wahlrechts in den <tei:emph>Americas</tei:emph> im langen 19. Jahrhundert</tei:title>
      <tei:author>
        <tei:name>
          <tei:forename>Marcelo</tei:forename>
          <tei:surname>Caruso</tei:surname>
        </tei:name>
        <tei:affiliation>Humboldt-Universität zu Berlin </tei:affiliation>
        <tei:email>marcelo.caruso@hu-berlin.de</tei:email>
        <tei:idno type="ORCID">0000-0001-5058-3089</tei:idno>
      </tei:author>
      <tei:author>
        <tei:name>
          <tei:forename>Fanny</tei:forename>
          <tei:surname>Isensee</tei:surname>
        </tei:name>
        <tei:affiliation>Humboldt-Universität zu Berlin</tei:affiliation>
        <tei:email>fanny-lynne.isensee@hu-berlin.de</tei:email>
        <tei:idno type="ORCID">0000-0001-7348-9255</tei:idno>
      </tei:author>
    </tei:titleStmt>
    <tei:publicationStmt>
      <tei:publisher>BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des
      DIPF</tei:publisher>
      <tei:date>2022</tei:date>
      <tei:availability>
        <tei:licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/">
          <tei:p>For this publication a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 4.0 International 
          license has been granted by the author(s) who retain full copyright.</tei:p>
        </tei:licence>
      </tei:availability>
      <tei:idno type="DOI">10.25658/hayw-p715</tei:idno>
    </tei:publicationStmt>
    <tei:seriesStmt>
      <tei:title>Jahrbuch für Historische Bildungsforschung</tei:title>
      <tei:biblScope unit="volume">28</tei:biblScope>
    </tei:seriesStmt>
    <tei:sourceDesc>
      <tei:p>Jahrbuch Historische Bildungsforschung, Band 28, 2022.</tei:p>
    </tei:sourceDesc>
  </tei:fileDesc>
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    <tei:projectDesc>
      <tei:p>Die Gründung des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung wurde im Mai 1991 auf der Jahrestagung
        der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), der 
        Vorgängerin der Sektion Historische Bildungsforschung, beschlossen. Veröffentlicht werden Beiträge aus
        dem Gesamtgebiet der Historischen Bildungsforschung, wobei vor allem auch die Nachbardisziplinen zur    
        Mitarbeit eingeladen sind. Historische Bildungsforschung wird hier als              
        interdisziplinäres Feld verstanden, in das Fragestellungen der Erziehungs-, Geschichts- und    
        Literaturwissenschaft ebenso Eingang finden wie die historische Anthropologie, historische       
        Berufsbildungsforschung oder die Geschichte der Medien, der Geschlechter, der Kindheit und der Jugend.</tei:p> 
      <tei:p>Das Jahrbuch für Historische Bildungsforschung wird von der Sektion Historische Bildungsforschung in          
        Verbindung mit der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF | Leibniz-Institut für           
        Bildungsforschung und Bildungsinformation herausgegeben. Den Kreis der Herausgeber:innen bilden 15      
        Wissenschaftler:innen, die die inhaltliche Breite der Teildisziplin          
        verkörpern. Sie wählen eine:n Sprecher:in und bestimmen in jedem Jahr die     
        Schwerpunktthemen der kommenden Bände, die jeweils von einer kleinen Redaktionsgruppe betreut   
        werden. Daneben gibt es Raum für themenungebundene Abhandlungen, Diskussionen sowie für die      
        Publikation ausgewählter Quellen mit Kommentierung. Seine zunehmende Verbreitung in europäischen  
        wissenschaftlichen Bibliotheken und die steigenden Zahl englischsprachiger Beiträge sind Ausdruck    
        wachsender Internationalität des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung. Alle Einreichungen werden  
        in einem Peer-Review-Verfahren begutachtet.</tei:p>
      <tei:p>Die Verbreitung digitaler Angebote und Ressourcen ist in den letzten Jahren in den Geisteswissenschaften  
        deutlich angestiegen und auch in der Historischen Bildungsforschung spielen Verfahren der Digital           
        Humanities eine immer wichtigere Rolle. Das Jahrbuch erscheint daher, ermöglicht durch eine DFG-Förderung in   
        dem Projekt <tei:title><tei:ref target="https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/463078084" type="crossref">Transformation    
          des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung (JHB) in ein hybrid – print &amp; online – erscheinendes Open Access  
          Journal</tei:ref></tei:title>, als Open-Access Journal mit erweiterter Funktionalität neben der Printausgabe.</tei:p> 
      <tei:p rend="breadcrumbfix"/>
    </tei:projectDesc>
  </tei:encodingDesc>
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    <tei:langUsage>
      <tei:language ident="de">de</tei:language>
    </tei:langUsage>
    <tei:textClass>
      <tei:keywords xml:lang="de">
        <tei:term>Literalität</tei:term>
        <tei:term>Wahlrecht</tei:term>
        <tei:term>politische Exklusion</tei:term>
        <tei:term>Schulexpansion</tei:term>
      </tei:keywords>
      <tei:keywords xml:lang="en">
        <tei:term>literacy</tei:term>
        <tei:term>voting rights</tei:term>
        <tei:term>disenfranchisement</tei:term>
        <tei:term>expansion of schooling</tei:term>
      </tei:keywords>
    </tei:textClass>
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<tei:text>
  <tei:front>
    <tei:div type="abstract" xml:lang="de">
      <tei:p><tei:pb n="157"/>Der Beitrag untersucht das Aufkommen des Junktims zwischen Wahlrecht und
      <tei:term>Literalität</tei:term> in den <tei:emph>Americas</tei:emph> im 19.
      Jahrhundert. Dabei werden in einem ersten Schritt der Einsatz und das Fortbestehen
      der aus Europa kommenden Begrenzungen des Wahlrechts,
      <tei:term>Literalität</tei:term> und Zensus in den hispanoamerikanischen
      Ländern thematisiert. In einem zweiten Schritt beleuchtet der Artikel die
      Rassifizierung der Wahlrechtsbeschränkungen über
      <tei:term>Literalität</tei:term>stests und verdeutlicht diese Verknüpfung
      insbesondere am Beispiel der Vereinigten Staaten. Schließlich werden Hypothesen
      zur Einordnung der Verknüpfung von Wahlrecht und <tei:term>Literalität</tei:term>
      als möglichen Faktor gegen Schulentwicklung und
      <tei:term>Schulexpansion</tei:term> angestellt und somit wird dieses Junktim
      nicht nur aus der Perspektive der Expansion der Wählerschaft, sondern auch als
      historische Problemlage im Bildungsbereich verstanden.</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div type="abstract" xml:lang="eng">
      <tei:p>The paper examines the establishment of the juncture between voting rights and
      literacy in the <tei:emph>Americas</tei:emph> in the long 19th century. In a first
      step, the contribution illuminates the implementation and perpetuation of formerly
      European criteria for the regulation of electoral rights, census suffrage and
      literacy in Hispano- and US-American countries. Secondly, it illustrates how
      literacy tests furthered and consolidated the racialization of disenfranchisement.
      Here, practices of testing literacy in the United States are especially drawn upon
      to trace the manifold ways of political exclusion. Lastly, the article advances
      some hypotheses about the association between literacy and franchise as a
      detrimental factor for the expansion of schooling. In this vein, the article,
      while considering this problem in the perspective of the regulation of the
      electorate, proposes to raise questions from the perspective of the history of
      education.</tei:p>
    </tei:div>
  </tei:front>
  <tei:body>
    <tei:div xml:id="s1">
      <tei:pb n="158"/>
      <tei:head>1. Einführung: <tei:term>Literalität</tei:term> als Kriterium politischer
      Exklusion in liberal-modernen Regimes</tei:head>
      <tei:p n="1">Die grundlegenden Kulturtechniken des Lesens und Schreibens galten lange Zeit als
      Kennzeichen moderner und fortschrittlicher Gesellschaften.<tei:note>
      <tei:p> Diese Publikation entstand im Kontext des Exzellenzclusters
      <tei:q><tei:emph>Contestations of the Liberal Script</tei:emph></tei:q>
      (EXC 2055, Project-ID: 390715649), gefördert von der Deutschen
      Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und
      der Länder.</tei:p>
    </tei:note>
    <tei:term>Literalität</tei:term>, gewöhnlich als Sammelbegriff für beide Fähigkeiten
    verwendet, wurde in der modernisierungstheoretischen Forschung der Nachkriegszeit als
    Kennzeichen gesellschaftlicher Inklusion definiert. Ihre Verbreitung bzw.
    Beherrschung ermöglichen Teilhabe an zunehmend mediatisierten gesellschaftlichen
    Prozessen in einer erhöhten Intensität und Durchdringung.<tei:note>
    <tei:p>
      <tei:ref type="bibl" target="#Inkeles1993" xml:id="quoteref000">Inkeles u.
      Smith 1993</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Wehler1971" xml:id="quoteref001">Wehler 1971</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Der Nexus zwischen gesellschaftlicher <tei:term>Inklusion</tei:term> und
      Integration einerseits und zunehmender <tei:term>Literalität</tei:term> andererseits
      ist in vielen Hinsichten plausibel und mit unterschiedlichen theoretischen Entwürfen,
      auch mit dem Marxismus, kompatibel.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Alt1978" xml:id="quoteref002">Alt
      1978</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Aber spätestens mit der bildungshistorischen Untersuchung zum Mythos
      <tei:term>Literalität</tei:term> in der nordamerikanischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Graff1991" xml:id="quoteref003">Graff
      1991</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> wichen die exklusiven stark positiven Konnotationen der
      <tei:term>Literalität</tei:term> einer differenzierten Betrachtung. Besonders
      anthropologisch inspirierte Untersuchungen, die die frühen und durchaus kritischen
      Beobachtungen Claude Lévi-Strauss’ über die Funktion von Schrift in nicht
      gegliederten Gesellschaften fortschrieben,<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Lévi-Strauss2015" xml:id="quoteref004">Lévi-Strauss 2015, S. 291–295</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> warfen eine nuancierte Betrachtung auf <tei:term>Literalität</tei:term>
        und die Frage nach ihrem exklusiven Charakter auf.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Goody1968" xml:id="quoteref005">Goody
        1968</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Seitdem ist die historische <tei:term>Literalität</tei:term>s- (bzw.
        <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>s-)Forschung alles andere als ein Feld, in
        dem eine mit der Schrift eng verwobene Rationalität kritiklos behauptet wird.
        Beispielsweise rückten Phänomene wie Herrschaft und volkstümliche Aneignungen und
        Praktiken stärker ins Blickfeld.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Götselius2007" xml:id="quoteref006">Götselius
          2007</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Magalhaes2001" xml:id="quoteref007">Pereira de Magalhaes 2001</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Rubinger2007" xml:id="quoteref008">Rubinger
        2007</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="2">In diesen neueren Forschungsarbeiten wird das Verhältnis zwischen
      <tei:term>Literalität</tei:term>, Bildung und Politik schärfer analysiert.
      <tei:term>Literalität</tei:term> spielte jedoch in der Geschichte politischer
      Prozesse eine viel explizitere Rolle als sogar von diesen Werken thematisiert:
      <tei:term>Literalität</tei:term> wurde als eine exkludierende Technik bei der
      Herausbildung liberaler elektoraler Regimes eingesetzt. In den liberalen
      Massendemokratien, die Souveränität und die Konstitution legitimer Herrschaft
      zunehmend auf Wahlakte und Vertretung aufbauten, wurde
      <tei:term>Literalität</tei:term>, zuweilen nur als
      <tei:q><tei:emph>Lesen</tei:emph></tei:q>, später häufiger auch als
      <tei:q><tei:emph>Lesen und Schreiben</tei:emph></tei:q> verstanden, seit dem
      19. Jahrhundert in zahlreichen Kontexten zur Bedingung für die Aufnahme in
      Wählerverzeichnisse gemacht. Die Ausübung von ansonsten verbürgten elektoralen
      Rechten für die männliche erwachsene Bevölkerung wurde, und zwar sowohl von Liberalen
      als<tei:pb n="159"/> auch von Konservativen gleichermaßen, stark reguliert.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Fuentes2001" xml:id="quoteref009">Fuentes
        2001</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Losurdo2008" xml:id="quoteref010">Losurdo 2008</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> In unterschiedlicher Nuancierung stimmten beide politischen Tendenzen
        darin überein, dass die Souveränität des Wahlakts eine Mindestgrundbildung
        erforderte, die man mit <tei:term>Literalität</tei:term> gleichsetzte. Besonders auf
        dem amerikanischen Kontinent fand diese Regulierung elektoraler Rechte großen Anklang.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Bottarini2002" xml:id="quoteref011">Bottarini
          2002</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Mariscal2000" xml:id="quoteref012">Mariscal u. Sokoloff 2000</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Ferrer2009" xml:id="quoteref013">Vázquez de Ferrer
        2009</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="3">Warum wirkte diese aus Europa kommende Regulierung politischer Rechte in
      den<tei:hi rend="i"> </tei:hi>
      <tei:emph>Americas</tei:emph>
      <tei:note>
        <tei:p> Der Begriff der <tei:emph>Americas</tei:emph> subsumiert die
        grundsätzliche Unterscheidung zwischen denjenigen Ländern, die besonders von
        angelsächsischer bzw. französischer einerseits und spanischer und
        portugiesischer Kolonisierung andererseits geprägt waren. Der Begriff ebnet
        diese Unterscheide teilweise ein und positioniert diese Geschichten zugleich in
        ihren gemeinsamen Kontrasten, bspw. der frühe Republikanismus, gegenüber
        Europa.</tei:p>
        </tei:note> in einer Zeit fort, in der in Europa die Regulierung elektoraler Prozesse
        stärker auf der Steuerkraft der Bürger basierte? Hatte diese besondere Verbindung von
        Politik und <tei:term>Literalität</tei:term> Auswirkungen auf die Entstehung und
        Expansion der Schulversorgung? Ohne diese Fragen <tei:hi rend="i">in toto</tei:hi> zu
        beantworten, soll der folgende explorative Beitrag eine weitergehende
        Forschungshypothese präsentieren und plausibilisieren: Unabhängig von der politischen
        Diskussion, die im Zusammenhang mit der literalitätsbasierten Wahlrechtseinschränkung
        entstand, soll diese politische Maßnahme als eine mögliche Ursache für einen im
        Vergleich zu anderen Ländern ohne diese Einschränkung langsameren Ausbau der
        Elementar- bzw. Primarschulversorgung untersucht werden. Diese Hypothese besagt, dass
        zusätzlich zu Fragen der Bildungsfinanzierung und der politisch geforderten Expansion
        des Schulwesens die literalitätsbasierte Definition der Wählerschaft selbst als ein
        bislang wenig beachteten Faktor der quantitativen Schulentwicklung charakterisiert
      werden kann.</tei:p>
      <tei:p n="4">Selbstverständlich wurde die grundlegende Frage der literalitätsbasierten
      Wahlrechtregulierung in der Forschung bereits thematisiert. Dies erfolgte jedoch
      nahezu ausschließlich aus der Perspektive der Konstituierung der Gruppe der
      Wahlberechtigten in politikgeschichtlicher und politikwissenschaftlicher Perspektive.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Rosanvallon2001" xml:id="quoteref014">Rosanvallon
        2001</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Varela_Suanzes-Carpegna2005" xml:id="quoteref014a">Varela Suanzes-Carpegna 2005</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Selten wurde die Frage der <tei:term>Literalität</tei:term> als
        Einschränkung <tei:emph>eigens</tei:emph>, d.h. in ihrer bildungs- und
        alphabetisierungsgeschichtlichen Perspektive, diskutiert; sie wurde nahezu
        ausschließlich im Rahmen von weiteren Wahlrechtsbeschränkungen behandelt. Nur für den
        Fall Perus existiert eine nennenswerte Thematisierung des Junktims zwischen
        <tei:term>Literalität</tei:term> und Wahlrecht, vermutlich weil in Peru dieses
        erst 1979 abgeschafft wurde.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Lazarte_Rojas1995" xml:id="quoteref015">Lazarte
          Rojas 1995</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Ragas2007" xml:id="quoteref016">Ragas 2007</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Plaza1979" xml:id="quoteref017">Plaza 1979</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Für die USA wurde diese Frage in Bezug auf die rassistischen Versionen
          der Wahlrechtsexklusion untersucht und auch Praktiken der Feststellung von
          <tei:term>Literalität</tei:term> analysiert.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Cunningham1966" xml:id="quoteref018">Cunningham
            1966</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Lake2005" xml:id="quoteref019">Lake 2005</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Valelly2004" xml:id="quoteref020">Valelly 2004</tei:ref>.</tei:p>
            </tei:note> Hingegen sind eine Perspektivierung und Diskussion, die Auswirkungen
            dieser Verbindung auf die Entwicklung<tei:pb n="160"/> moderner Schulsysteme verdeutlichen, nahezu unbekannt.<tei:note>
            <tei:p> Hinweise für die <tei:emph>Americas</tei:emph>, <tei:ref type="bibl" target="#Mariscal2000" xml:id="quoteref021">Mariscal u. Sokoloff
            2000</tei:ref>; für Lateinamerika: <tei:ref type="bibl" target="#Caruso2010" xml:id="quoteref022">Caruso 2010</tei:ref>; für die USA: <tei:ref type="bibl" target="#Richardson1980" xml:id="quoteref023">Richardson
            1980</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Filer1991" xml:id="quoteref024">Filer, Kenny u. Morton 1991</tei:ref>.</tei:p>
            </tei:note> Der Beitrag intendiert, die oben genannte Hypothese zur Erklärung der
            möglichen Konsequenzen dieses Exklusionskriteriums zu plausibilisieren. Zu diesem
            Zweck sollen auch die großen Koordinaten der
            <tei:term>literalität</tei:term>sbasierten Wahlrechtseinschränkung auf dem
            amerikanischen Kontinent identifiziert, kontextualisiert und charakterisiert
      werden.</tei:p>
      <tei:p n="5">Mehrere Schritte sind für die Entfaltung der Hypothese nötig. Zunächst soll die
      Verbindung zwischen <tei:term>Literalität</tei:term> und Wahlrecht als Strategie der
      politischen Exklusion in den jungen lateinamerikanischen Republiken des 19.
      Jahrhunderts in ihren Hauptphasen knapp rekonstruiert werden (2.). In einem weiteren
      Schritt wird diese Problemlage anhand der einschneidenden Entwicklungen in den USA
      nach dem Bürgerkrieg skizziert, in denen eine Rassifizierung des
      <tei:term>Literalität</tei:term>skriteriums, die ohnehin in den
      lateinamerikanischen Entwicklungen wirksam war, evident wird (3.). In einem weiteren
      Schritt werden einzelne Entwicklungen und Vergleiche der quantitativen
      Schulentwicklung und <tei:term>Alphabetisierung</tei:term> mit der Frage des
      Wahlrechts näher ins Verhältnis gesetzt (4.). Am Schluss werden langfristige Folgen
      der Verbindung zwischen <tei:term>Literalität</tei:term> und Wahlrecht skizziert, um
      vorläufige Hypothesen für die große Akzeptanz und Langlebigkeit dieser Konstellation
      aufzustellen (5.). Die Darstellung konzentriert sich auf die Veränderung der
      gesetzlichen Grundlagen dieser besonderen Funktion von
      <tei:term>Literalität</tei:term> und sieht von der ebenfalls bildungshistorisch
      bedeutsamen Frage des Verhältnisses zwischen Gesetzgebung und Praxis von
      <tei:term>Literalität</tei:term>sfeststellung ab.</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="s2">
      <tei:head>2. <tei:term>Literalität</tei:term> und Wahlrecht in Lateinamerika: Die
      Regulierung der Politik der Massen</tei:head>
      <tei:p n="6">Als die spanischen und portugiesischen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent
      ab 1808 begannen, sich von ihren Heimatländern abzusetzen, bedeutete dies zunächst
      nicht nur die Unabhängigkeit von dem jeweiligen <tei:q>Mutterland</tei:q>
      <tei:emph>,</tei:emph>
      <tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Chasteen2009" xml:id="quoteref025">Chasteen
          2009</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Lynch1994" xml:id="quoteref026">Lynch 1994</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> sondern darüber hinaus einen Regimewechsel des politischen Systems: Bis
          auf Brasilien wurden alle neuen Länder zu Republiken erklärt, in denen die Modernität
          eines politischen Systems, das auf formelle Gleichheit vor dem Gesetz und aktiver
          Teilnahme der (männlichen) Bevölkerung am politischen Leben beruhte, in starkem
          Kontrast mit einer in weiten Teilen sehr standesbewussten und ungleichen Gesellschaft stand.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Morelli2007" xml:id="quoteref027">Morelli
            2007</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Palti2007" xml:id="quoteref028">Palti 2007</tei:ref>.</tei:p>
            </tei:note> Besonders die einheimischen, nicht-kreolischen Gruppen, die während der
            Kolonialzeit einen Sonderstatus hatten, aber auch zunehmend befreite<tei:pb n="161"/> Sklaven, waren
            nun in regional unterschiedlicher Intensität als Bestandteil einer zu erschaffenden
            aktiven Bürgerschaft vorgesehen.<tei:note>
            <tei:p>
              <tei:ref type="bibl" target="#Guardino2005" xml:id="quoteref029">Guardino
            2005</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="7">Im Vergleich zu Europa standen die ersten Entwicklungen im Bereich des Wahlrechts
      in den <tei:emph>Americas</tei:emph> auf einer breiteren Basis als häufig angenommen.
      Bürgerrechte wurden allen freien, männlichen und erwachsenen Einwohnern zuerkannt.
      Direkte Ausschlüsse, bspw. von indigenen Gruppen, standen nirgends explizit in den
      Verfassungen. Ein gewisser Utopismus begleitete die republikanischen und
      konstitutionellen Experimente. Der Elan, der in dieser Transformation bei allen
      mageren Ergebnissen eingesetzt wurde, ist nicht zu unterschätzen. Vielfach war von
      Revolution die Rede und sowohl die USA als junge und große Republik, aber auch die
      Französische Revolution und, für die Moderaten, der englische Parlamentarismus
      standen den neuen lateinamerikanischen Staaten als Modell Pate.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Garner2015" xml:id="quoteref030">Garner
        2015</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Mücke2005">Mücke
      2005</tei:ref>.</tei:p>
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:div xml:id="s2-1">
        <tei:head>2.1 Regulierung des Wahlrechts auf der Grundlage von
        <tei:term>Literalität</tei:term>
        </tei:head>
        <tei:p n="8">Eine realistische Alternative für die Zähmung dieser epochalen Veränderung war
        die Annahme von <tei:term>Literalität</tei:term> als Bedingung, um in die
        Wählerverzeichnisse aufgenommen werden. Bereits 1812, im Kontext der Etablierung
        einer parlamentarischen Monarchie, beschloss die erste verfassungsgebende
        Versammlung in Cádiz diesen Grundsatz unter Mitwirkung lateinamerikanischer
        Vertreter. Zum ersten Mal war diese Bedingung für die Ausübung elektoraler Rechte
        in der französischen Verfassung von 1795 formuliert worden, bezeichnenderweise als
        Reaktion auf die Auswüchse jakobinischer Politik.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Furet1995" xml:id="quoteref031">Furet 1995, S.
        162–168</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Diese restriktive Zielsetzung zeigte sich schließlich auch darin, dass
        nicht nur <tei:term>Literalität</tei:term>, sondern auch ein Zensuswahlrecht
        eingeführt wurde. Diese Einschränkungen eines im Prinzip weiterhin gültigen,
        allgemeinen Wahlrechts betrafen zuerst nur die jungen Wähler ab dem Jahr 1804, die
        sowohl ein Zertifikat über ihre <tei:term>Literalität</tei:term> als auch eine
        Arbeitsbescheinigung bei ihren Anträgen für die Aufnahme in die
        Wählerverzeichnisse vorlegen mussten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Rosanvallon2001" xml:id="quoteref032">Rosanvallon 2001, S. 68–88</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Nicht nur in Italien war diese Beschränkung bei der Gewährung aktiver
          politischer Rechte aufgenommen worden,<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#République_Cisalpine1823" xml:id="quoteref033"><tei:title level="m">Constitution de la République
          Cisalpine</tei:title> 1823, S. 248</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> sondern, wie erwähnt, ebenso in der damals berühmten liberalen
          spanischen Verfassung aus dem Jahr 1812. Auch dort verbanden liberale Eliten einen
          Einschnitt in die politischen Strukturen mit Mechanismen, um diese Veränderungen
          regierbar zu halten.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Fuentes2001" xml:id="quoteref034">Fuentes
          2001</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Die Verfassung von Cádiz kannte nur diese eine Beschränkung des
          Wahlrechts und führte eine Übergangsfrist für die Erfüllung dieses Kriteriums bis
          zum Jahr 1830 ein.<tei:pb n="162"/> Schließlich – so zahlreiche liberale Persönlichkeiten – konnte
          man dem Einzelnen die Versäumnisse des nun besiegten Despotismus nicht anlasten.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_9PNZHZVX" xml:id="quoteref035">
          <tei:hi rend="i">Reflexiones políticas</tei:hi> 1821</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="9">Genau diese Konstellation kam in den neuen lateinamerikanischen Republiken
        häufig zum Einsatz. Alle diesen neuen Staaten standen vor der Herausforderung, die
        <tei:q><tei:emph>Revolution</tei:emph></tei:q> regierbar zu halten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Ternavasio2007" xml:id="quoteref036">Ternavasio 2007</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Uribe-Uran2001" xml:id="quoteref037">Uribe-Uran 2001</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Eine Analyse von einem Sample aus 45 Verfassungen und
          Verfassungsentwürfen aus 12 hispanoamerikanischen Ländern zwischen 1811 und 1848
          ergab, dass 29 dieser Dokumente das Junktim zwischen Wahlrecht und
          <tei:term>Literalität</tei:term> für die Regulierung der neu verbrieften
          politischen Rechte vorsahen. Mehr noch: Diese Einschränkung politischer Rechte
          wurde erst nach 1821 eingeführt, d.h. nachdem die unterschiedlichen Länder
          ernüchternde Erfahrungen mit Bürgerkrieg und der neuen Zeit moderner Politik
          gemacht hatten.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Caruso2010" xml:id="quoteref038">Caruso 2010,
          S. 468–469</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Dessen ungeachtet, dass hier eine explizite Regulierung des Wahlrechts
          vorgenommen wurde, vertraten viele dieser Verfassungen in den 1820er Jahren einen
          liberalen, zuweilen auch radikal-liberalen Geist, der sich darin zeigte, dass eine
          expansive Schulpolitik<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Amunátegui_Solar1895" xml:id="quoteref039">Amunátegui Solar 1895</tei:ref>, für Chile; <tei:ref type="bibl" target="#Caruso2005" xml:id="quoteref040">Caruso 2005</tei:ref>, für
          Kolumbien.</tei:p>
          </tei:note> auf der Grundlage des aus England importierten Modells des
          wechselseitigen Unterrichts nach Bell und Lancaster mit Elan implementiert wurde<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Roldán_Vera2011" xml:id="quoteref041">Roldán
            Vera 2011</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Roldán_Vera2005" xml:id="quoteref042">Roldán Vera u. Schupp, 2005</tei:ref>.</tei:p>
            </tei:note>. Schließlich versprach dieses Unterrichtssystem die schnelle und
            kostengünstige Literalisierung der Massen.<tei:note>
            <tei:p>
              <tei:ref type="bibl" target="#Lancaster1808" xml:id="quoteref043">Lancaster
            1808</tei:ref>.</tei:p>
            </tei:note> Gewiss bildete die Wahlrechtsrestriktion über das Kriterium der
            <tei:term>Literalität</tei:term> nur <tei:emph>eine</tei:emph> der
            Handlungsoptionen. Die häufigste Form von Wahlrechtsregulierung stellte bis zur
            Jahrhundertmitte eine Kombination von Zensuswahlrecht und
        <tei:term>Literalität</tei:term>skriterium dar.</tei:p>
        <tei:p n="10">Folgende systematische Auswertung von Verfassungsbestimmungen und Wahlgesetzen
        für das gesamte 19. Jahrhundert bestätigt, dass
        <tei:term>literalität</tei:term>sbasierte Exklusionen weiterhin wirksam
        wurden.</tei:p>
        <tei:table xml:id="t1">
          <tei:head>Tabelle 1: Verankerung eines allgemeinen <tei:term>Literalität</tei:term>skriteriums für die Ausübung des aktiven Wahlrechts in nationalen
              Verfassungen (Lateinamerika, 1811–1900)</tei:head>
          <tei:head>Quelle: Eigene Zusammenstellung und Auswertung. Für die nationalen
            Verfassungen nach 1850 wurde zur Kontrolle <tei:ref type="bibl" target="#Dippel2007" xml:id="quoteref044">Dippel (2007)</tei:ref>
            herangezogen.</tei:head>
          <tei:row role="label">
            <tei:cell/>
            <tei:cell>1811–1819</tei:cell>
            <tei:cell>1820–1829</tei:cell>
            <tei:cell>1830–1839</tei:cell>
            <tei:cell>1840–1849</tei:cell>
            <tei:cell>1850–1859</tei:cell>
            <tei:cell>1860–1869</tei:cell>
            <tei:cell>1870–1879</tei:cell>
            <tei:cell>1880–1889</tei:cell>
            <tei:cell>1890–1899</tei:cell>
            <tei:cell>Total</tei:cell>
          </tei:row>
          <tei:row>
            <tei:cell role="label">Ja</tei:cell>
            <tei:cell>1</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>10</tei:cell>
            <tei:cell>7</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>5</tei:cell>
            <tei:cell>3</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>42</tei:cell>
          </tei:row>
          <tei:row>
            <tei:cell role="label">Nein</tei:cell>
            <tei:cell>1</tei:cell>
            <tei:cell>7</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>6</tei:cell>
            <tei:cell>8</tei:cell>
            <tei:cell>5</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>4</tei:cell>
            <tei:cell>43</tei:cell>
          </tei:row>
          <tei:row>
            <tei:cell role="label">Total</tei:cell>
            <tei:cell>2</tei:cell>
            <tei:cell>11</tei:cell>
            <tei:cell>14</tei:cell>
            <tei:cell>13</tei:cell>
            <tei:cell>12</tei:cell>
            <tei:cell>9</tei:cell>
            <tei:cell>9</tei:cell>
            <tei:cell>7</tei:cell>
            <tei:cell>8</tei:cell>
            <tei:cell>85</tei:cell>
          </tei:row>
        </tei:table>
        <tei:p n="11"><tei:pb n="163"/>Dabei lässt sich feststellen, mit welchen Mitteln die Eliten die Frage der
        Wahlrechtsregulierung betrieben. In mehreren Ländern wurden nämlich die
        Bestimmungen eines Zensuswahlrechts zurückgenommen, aber dabei bestand das
        <tei:term>Literalität</tei:term>skriterium fort.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Mariscal2000" xml:id="quoteref045">Mariscal u.
        Sokoloff 2000</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Dies war beispielsweise der Fall für Chile, wo im Jahr 1874 das
        Zensuswahlrecht abgeschafft wurde, aber die
        <tei:term>Literalität</tei:term>sbedingung für die Ausübung des Wahlrechts
        weiterhin bestand. In Peru galt zunächst das
        <tei:term>Literalität</tei:term>skriterium neben dem Zensuswahlrecht in allen
        maßgeblichen Vorgaben zur Ausübung des Wahlrechts (Verfassungen, Gesetze und Reglements).<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#McEvoy1997" xml:id="quoteref046">McEvoy 1997,
        S. 270</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Mit dem im Jahr 1896 eingeführten peruanischen Wahlgesetz wurde die
        Beschränkung aufgrund von Eigentum oder Steuerkraft abgeschafft, aber das
        <tei:term>Literalität</tei:term>skriterium beibehalten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#McEvoy1997" xml:id="quoteref047">Ebd., S.
        355</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Dieser Trend kann jedoch nicht verallgemeinert werden, wie der Fall
        Costa Rica zeigt. Hier bestätigte die Verfassung von 1870 die bereits gängige
        Kombination von <tei:term>Literalität</tei:term> und Zensus für die Ausübung des
        Wahlrechts, was ebenfalls in der Verfassung von 1917 wiederholt wurde.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Obregón_Quesada2000" xml:id="quoteref048">Obregón Quesada 2000</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="12">Insgesamt ist aber festzustellen, dass eine Restriktion des Wahlrechts auf der
        Grundlage des <tei:term>Literalität</tei:term>skriteriums eine starke Wirkung
        entfalten konnte. Angesichts von anhaltenden niedrigen
        <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>sraten in der Region (vgl. 4.) waren die
        Auswirkungen dieser Exklusionsmaßnahme für das politische Leben prägend und
        nachhaltig. Die Divergenz zwischen passionierter republikanischer Rhetorik und
        markantem Exklusionseffekt musste deshalb argumentativ plausibilisiert
        werden.</tei:p>
      </tei:div>
      <tei:div xml:id="s2-2">
        <tei:head>2.2 Argumente für die <tei:term>literalität</tei:term>sbasierte
        Wahlrechtsexklusion</tei:head>
        <tei:p n="13">Das dominante Argumentationsmuster – aus dem liberalen und dem konservativen
        Lager gleichermaßen – stützte die breite Aufnahme dieser Form der
        Wahlrechtsregulierung. In beiden Diskursen stand ein Paternalismus im Vordergrund,
        der den nicht-literalisierten Geist als <tei:quote source="#quoteref049">fruchtbaren, aber nicht beackerten Boden</tei:quote> charakterisierte, wie der
        führende Liberale und Journalist José María Luis de Mora (1794–1850) 1826 bei den
        Diskussionen einer Verfassung für den Bundestaat Mexiko erklärte.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_TAMN45U5" xml:id="quoteref049">
            <tei:hi rend="i">Actas del congreso constituyente del Estado Libre de
        México</tei:hi> 1826, S. 114</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Liberale waren einerseits enthusiastisch über die neuen Möglichkeiten
        der auf Repräsentation aufgebauten Republiken. Andererseits waren sie angesichts
        der sehr konservativen Prägung lateinamerikanischer Gesellschaften etwas
        vorsichtig bei der Expansion von politischen Rechten. Manuel Vidaurre (1773–1841),
        Jurist und mehrfach Minister der jungen Republik Peru, warnte in seiner Rede über
        die Wahlen davor, die Lage zu positiv einzuschätzen: </tei:p>
        <tei:p n="14"><tei:quote source="#quoteref050"><tei:pb n="164"/>Das Volk glaubt, dass es in Freiheit wählt,
        aber das ist nicht der Fall. Bestechung, Verführung, Hoffnung und Furcht sind
        Triebfedern, die, von Ehrgeizlingen manipuliert, aus der Hand des Bürgers ein
        mechanisches Instrument machen, mit dem man den Wahlzettel in die Urne
        wirft.</tei:quote><tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Vidaurre1827" xml:id="quoteref050">Vidaurre
        1827, S. 5</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="15">Konservative, ihrerseits, betonten auch die Gefahren populistischer Agitation
        und Manipulation, bspw. als bei der Diskussion einer neuen Verfassung in Venezuela
        im Jahr 1847 <tei:term>Literalität</tei:term> zur Bedingung gemacht werden sollte,
        das aktive Wahlrecht zu gewähren, <tei:quote source="#quoteref051">weil bei den
        Menschen natürlich ist, der Autorität derjenigen, die sich besser auskennen
        oder dies vorgeben, nachzugeben, und das Ergebnis ist, dass der Mensch sich
        listigen Spekulanten ergibt</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Caruso2010" xml:id="quoteref051">Caruso 2010,
        S. 473</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="16">In der Mitte des Jahrhunderts stand <tei:term>Literalität</tei:term> als
        Kriterium politischer Exklusion nicht zuletzt aufgrund der unbefriedigenden
        Funktionsweise von Wahlen in der Region in der Kritik. In dieser Situation
        präzisierten einige moderat-liberale Autoren, wie der Jurist, Schriftsteller und
        Schulbuchautor Nicolás Pizarro Suárez (1830–1895) in Mexiko dieses Kriterium und
        erklärten, von den Wählern sollte das Gesetz das
        <tei:emph>Schreibenkönnen</tei:emph> verlangen<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Pizarro_Suárez1855" xml:id="quoteref052">Pizarro Suárez 1855, S. 101</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note>. Dies war einerseits angesichts der pädagogischen Tradition in den
          spanischsprachigen Ländern bedeutend, weil dort lange Zeit das Schreiben als
          Unterrichtsgegenstand, der nicht gleich dem Anfangsunterricht zugeschlagen wurde,
          für eine über das Minimum hinausgehende Unterweisung stand.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Caruso2012" xml:id="quoteref053">Caruso
          2012</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Andererseits war dieser Einwurf für ihn bedeutend, weil es in der Zeit
          einzelne Verfassungen gab, wie diejenige des Bundestaats Mexiko, die vom Wähler
          nur das Lesen, und nicht das Schreiben verlangten.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#México1852" xml:id="quoteref054">
              <tei:hi rend="i">Constitución Política del Estado de México</tei:hi>
          1852, S. 6</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Dabei stand <tei:term>Literalität</tei:term> auch in der Kritik von
          radikal-liberalen Kräften. In der verfassungsgebenden Versammlung in Mexiko in den
          Jahren 1856–57 wurden einzelne Stimmen laut, die monierten, <tei:quote source="#quoteref055">dass Lesen und Schreiben äußerst wenig ist, es sind ja
          lediglich zwei zu erwerbende Fähigkeiten und diese sind nur Mittel, um anderes
          Wissen zu erwerben; sie bringen keinen Nutzen, wenn man nicht
          studiert</tei:quote>. Außerdem, und hier zeigt sich auch eine radikal-liberale
          Einstellung, sei <tei:quote source="#quoteref055">die mündliche
          Tradition</tei:quote> zu berücksichtigen, die ja <tei:quote source="#quoteref055">wichtige Erkenntnisse kommuniziert wie dies in alten
          Zeiten vor der Erfindung des Buchdrucks der Fall war</tei:quote>.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Zarco1857" xml:id="quoteref055">Zarco 1857, S.
          612</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="17">Insgesamt bestanden die Liberalen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
        auf <tei:term>Literalität</tei:term> als legitimes Kriterium für die Gewährung des
        Wahlrechts. Der Jurist und Diplomat José Antonio de Lavalle (1833–1893) in Peru
        war beispielsweise der Ansicht, dass <tei:quote source="#quoteref056">die erste
        Stufe der Unterweisung</tei:quote> die minimale Bedingung für<tei:pb n="165"/> das aktive
        Wahlrecht bilden sollte.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Lavalle1859" xml:id="quoteref056">Lavalle
        1859, S. 12</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      <tei:quote source="#quoteref057">Nicht einmal für eine Minute</tei:quote> – so
      sein dringender Appell an das peruanische Parlament – <tei:quote source="#quoteref057">kann man ihn den Mann, der nicht die Primarstufe besucht
      hat, MC für fähig halten, die den Bürgern anvertraute Mission zu
      erfüllen</tei:quote>.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Lavalle1859" xml:id="quoteref057">ebd.</tei:ref></tei:p>
        </tei:note> Die <tei:quote source="#quoteref058">schwache Intelligenz</tei:quote>
        eines Mannes, die <tei:quote source="#quoteref058">so extrem ist, dass er nicht
        einmal Lesen und Schreiben kann</tei:quote>, <tei:quote source="#quoteref058">wäre einfach zu manipulieren bei der Ausübung von Funktionen, deren
        Wichtigkeit er nicht versteht</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Lavalle1859" xml:id="quoteref058">ebd.</tei:ref></tei:p>
          </tei:note> Liberale misstrauten zunehmend den Mobilisierungseffekten, die die
          traditionellen Mächte erzielen könnten, und zwar über den Einfluss der
          katholischen Kirche und über die Mobilisierung konservativ eingestellter Gruppen,
          wie viele Gemeinschaften der Ureinwohner der Länder, für die eine liberale
          Wirtschaftsordnung äußerst bedrohlich war.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Sanders2004" xml:id="quoteref059">Sanders
          2004</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Der kolumbianische Journalist und liberale Politiker José María Samper
          (1828–1888) kritisierte die Eliten, die im Wahlrecht <tei:quote source="#quoteref060">nur die Möglichkeit sehen, es als Mittel der Ausbeutung,
          der Korrumpierung oder der verborgenen Gewalt einzusetzen</tei:quote>.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Samper1861" xml:id="quoteref060">Samper 1861,
          S. 233</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Nicht so sehr wegen der Ignoranz des Volkes funktioniere moderne
          Politik in den hispanoamerikanischen Republiken nicht, sondern wegen der
        Skrupellosigkeit der Eliten: </tei:p>
        <tei:p n="18"><tei:quote source="#quoteref061">Es ist deshalb nötig, dass die Demokraten auf
        diesem Kontinent sich von der Tatsache überzeugen lassen, dass das Wahlrecht
        nicht zu einer Wahrheit oder zu einer fruchtbaren Institution wird, solange
        dieses nicht als direktes und geheimes Recht existiert, nur in den Händen
        derjenigen, die lesen und schreiben können und unbeachtet des Reichtums und des
        Zensus.</tei:quote><tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Samper1861" xml:id="quoteref061">Ebd. 1861, S.
        234</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="19">Populäre Kräfte aus indigenen Gemeinschaften und Landwirtschaft waren jedoch
        nicht nur willige Verfügungsmasse von konservativen Manipulatoren, und so etwas
        wie eine eigene Tradition des volksnahen,
        <tei:q><tei:emph>sozialen</tei:emph></tei:q> Liberalismus bestand vielfach.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Mallon1995" xml:id="quoteref062">Mallon
        1995</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Aber die Diagnose der meisten Liberalen führte sie geradezu zur
        Befürwortung von <tei:term>Literalität</tei:term> als ein in dieser Situation
        angemessenes Kriterium, um politische Exklusion auch in Zeiten der zunehmenden
        Rücknahme einer Zensusvorgabe zu organisieren. Folgender Verfassungskommentar aus
        Chile aus den 1870er Jahren mag erklären, warum <tei:term>Literalität</tei:term>
        als Kriterium für politische Exklusion fortbestand. Die chilenische Verfassung sah
        nämlich vor, dass man alphabetisiert war sowie ein gewisses Alter und ein gewisses
        Vermögen haben musste. <tei:quote source="#quoteref063">Bereits der Fakt, dass
        eine Person lesen und schreiben kann, lässt die Vermutung anstellen (...), dass
        diese Person das in der Verfassung definierte, nötige<tei:pb n="166"/> Vermögen, um dieses
        wichtige Recht auszuüben</tei:quote>, besitzt.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Christi_H.1878" xml:id="quoteref063">Christi
        H. 1878, S. 10</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Hier fungierte <tei:term>Literalität</tei:term> als eine Art
        <tei:emph>Proxy-Variable</tei:emph>, die das bis dahin wichtige Kriterium des
        Zensus auf legitimer Basis ersetzen könnte. Während der Zensus offensichtlich ein
        Legitimitätsdefizit aufwies und allmählich zurückgenommen wurde, stand
        <tei:term>Literalität</tei:term> unter den Eliten hoch im Kurs, wenn es um die
        Zähmung politischer Prozesse ging. Sogar in Ländern wie Argentinien, in denen ja
        keinerlei Bedingungen für das Wahlrecht bestanden, wurde von Mitgliedern der
        Eliten immer wieder diese Forderung vorgetragen, bspw. von dem Militär Mariano
        Olleros (1859–1914): <tei:quote source="#quoteref064">Das Recht, Wähler zu sein,
        zu qualifizieren, bedeutet, das Wahlrecht würdig zu machen. Keiner, der nicht
        lesen und schreiben kann, soll wählen, das ist alles</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Olleros1898" xml:id="quoteref064">Olleros
        1898, S. 36</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="20">Eine Verfassung- und Diskursgeschichte des Junktims
        <tei:term>Literalität</tei:term> und Wahlrecht ist aus vielen Gründen nicht
        ausreichend. Das wichtigste Argument dafür, dass politische und elektorale
        Praktiken stärker in den Blick genommen werden sollten, ist die frappante Kluft
        zwischen Normgefüge und Praxen in allen lateinamerikanischen Ländern.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Sábato2001" xml:id="quoteref065">Sábato
        2001</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Wo es keine legalen Beschränkungen für das Wahlrecht gab, wurden
        andere Mechanismen der Exklusion und des Wahlbetrugs eingesetzt, allen voran die
        nicht-geheime Stimmabgabe. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Kluft zwischen
        Normen und Praktiken ist die Analyse elektoraler Praxis insgesamt von eminenter
        Bedeutung. Aber ausgerechnet über die lokale Aufführung dieser
        <tei:term>literalität</tei:term>sbezogenen Regularien liegt kaum Forschung vor.
        Es liegt nahezu völlig im Dunkeln, wie <tei:term>Literalität</tei:term> als
        Exklusionskriterium <tei:emph>vor Ort</tei:emph> festgestellt wurde, ob
        beispielsweise dieser Aspekt überhaupt spezifiziert war und somit lokale Figuren
        wie eine Lehrkraft oder der Pfarrer für die Feststellung von
        <tei:term>Literalität</tei:term> herangezogen wurde, oder auch zentralisiertere
        und standardisierte Formen der Überprüfung von <tei:term>Literalität</tei:term> existierten.<tei:note>
        <tei:p> Hinweise für den Bundesstaat Veracruz in: <tei:ref type="bibl" target="#Carmona1869" xml:id="quoteref066">Carmona 1869, S.
        22</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Denn die hier diskutierten Verfassungsvorgaben implizierten einen
        nicht zu unterschätzenden Prüfungs- und Verwaltungsaufwand. Der Gründer des
        mexikanischen Konservatismus und Ex-Liberaler Lucas Alamán (1792–1853) mokierte
        sich über die spanische Verfassung von Cádiz, die als Vorbild für viele der frühen
        lateinamerikanischen Verfassungen gedient hatte. Bewährte Vertretungsrechte der
        höheren Stände seien in Cádiz aufgehoben worden, nun herrsche der Parteigeist und
        alles wurde mit Hoffnung erkauft, <tei:quote source="#quoteref067">dass sie die
        Wähler, MC irgendwann in der Zukunft lesen und schreiben können</tei:quote>.
        Wenn der Tag für diese Regelung kommt, so Alamán weiter, <tei:quote source="#quoteref067">dann würden die Wahlvorstände so etwas wie Prüfer in
        einer Primarschule werden, um sich dessen zu vergewissern, dass alle Wähler die
        von der Verfassung verlangten Kriterien erfüllen</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Alamán1850" xml:id="quoteref067">Alamán 1850,
        S. 114</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Um Einblicke in die Praxis der Feststellung von
        <tei:term>Literalität</tei:term> als politisches Exklusionskriterium zu
        erhalten, muss man<tei:pb n="167"/> eher die Entwicklungen in anderen Kontexten hinzunehmen, in
        denen Praktiken der <tei:term>literalität</tei:term>sbasierten Exklusion
        dokumentiert sind. Dies ist der Fall der Vereinigten Staaten nach der Zeit der
        Rekonstruktion.</tei:p>
      </tei:div>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="s3">
      <tei:head>3. Literalität und Wahlrecht in den Vereinigten Staaten: Literalitätstests und
      Rassifizierung demokratischer Politik</tei:head>
      <tei:p n="21">In den USA erlangte der Zugang zum Wahlrecht eine besondere Brisanz erst im Zuge
      der <tei:emph>Rekonstruktionsphase</tei:emph> (1865–1877), die sich an den
      US-amerikanischen <tei:emph>Sezessionskrieg</tei:emph> (1861–1865) anschloss. Hatten
      davor ethnische Minderheiten in Teilen noch elektorale Rechte, so wurden diese nach
      1877 zunehmend eingeschränkt, sodass die Zahl der nicht-weißen Wähler auf ein Minimum
      zusammenschrumpfte. Ein Blick in die Zeit vor dem Sezessionskrieg zeigt, dass die
      Kolonien und späteren Bundesstaaten bereits umfassende Bestimmungen zum Wahlrecht
      erlassen hatten<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Bishop1893" xml:id="quoteref068">Bishop
      1893</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> und dass in diesen Minderheiten zum Teil inkludiert wurden.<tei:note>
      <tei:p><!-- fraga 2018 fehlt in bibliographie -->Fraga 2018, S. 21–22; <tei:ref type="bibl" target="#Walton2012" xml:id="quoteref070">Walton, Puckett u.
      Deskins 2012, S. 171–172</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Connecticut und Massachusetts beispielsweise verabschiedeten in den
      Jahren 1855 bzw. 1857 als erste Wahlregularien, die dezidiert auf den Ein- bzw.
      Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen eingingen.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Lake2005" xml:id="quoteref071">Lake 2005, S.
      215</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Interessant ist, dass es sich hierbei nicht nur um ein Phänomen der Südstaaten<tei:note>
      <tei:p> Zu den Südstaaten zählten Alabama, Arkansas, Florida, Georgia, Louisiana,
      Mississippi, North Carolina, South Carolina, Tennessee, Texas und Virginia. Für
      ausführliche Darstellungen siehe z.B. <tei:ref type="bibl" target="#Boyer2013" xml:id="quoteref072">Boyer, Clark, Halttunen, Kett, Salisbury
      2013</tei:ref>, <tei:ref type="bibl" target="#Brinkley2000" xml:id="quoteref073">Brinkley 2000</tei:ref> und <tei:ref type="bibl" target="#Foner2012" xml:id="quoteref074">Foner 2012</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> handelt, sondern auch des Nordens, der Sklaverei in weiten Teilen
      ablehnte und Gesetze zur Einschränkung des Wahlrechts von freien Afro-Amerikanern
      verabschiedete. Innerhalb dieser Bestimmungen gab es starke Unterschiede beim Zugang
      der einzelnen Minoritäten: die indigene Bevölkerung, Latinos und Asian Americans
      wurden häufiger und deutlich markierter von Wahlen ausgeschlossen, als die
      sogenannten <tei:q><tei:emph>freemen</tei:emph></tei:q>, freie Afro-Amerikaner, die
      zunächst noch einen deutlicheren Anteil an den Wahlen hatten.<tei:note>
      <tei:p>Fraga 2018; <tei:ref type="bibl" target="#McCool2007" xml:id="quoteref076">McCool, Olsen u. Robinson 2007</tei:ref>.</tei:p>
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="22">Diese Situation begann sich zügig unmittelbar vor dem Sezessionskrieg zu ändern,
      als die <tei:q><tei:emph>Emancipation Proclamation</tei:emph></tei:q> im September
      1862 erlassen wurde. Die sich an den Sezessionskrieg anschließende
      Rekonstruktionsphase ist in den Gebieten der ehemaligen Konföderierten Staaten
      charakterisierbar durch ein Klima der politischen Neuorientierung nach einer Zeit der
      Besetzung durch Nordstaaten-Verwaltungen.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Foner2014" xml:id="quoteref077">Foner
        2014</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#McPherson1988" xml:id="quoteref078">McPherson 1988</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref079">Woodward 1957</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> In den fünf Jahren zwischen 1865 und 1870 wurden drei Zusatzartikel
        (<tei:emph>Amendments</tei:emph>), die sogenannten <tei:q><tei:emph>Reconstruction
        Amendments</tei:emph></tei:q>, zur Verfassung der Vereinigten Staaten
        verabschiedet, die auf die Gleichstellung der ehemaligen<tei:pb n="168"/> Sklaven/innen abzielten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Brinkley2000" xml:id="quoteref080">Brinkley 2000,
        S. 393–394</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Das 15. Amendment<tei:note>
        <tei:p> Right of Citizens to Vote 1870. </tei:p>
        </tei:note> hielt fest, dass <tei:quote source="#quoteref082">The right of citizens
        of the United States to vote shall not be denied or abridged by the United States
        or by any State on the account of race, color, or previous condition of
        servitude</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_XPNNCA3U" xml:id="quoteref082">The
        Constitution of the United States, Artikel XV</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="23">Die Anerkennung politischer Rechte für die gesamte (männliche) afro-amerikanische
      Bevölkerung machte besonders in den südlichen Bundestaaten aus der Frage der
      Wahlrechtsregulierung ein dringendes Anliegen. Aus diesem Grund fokussiert dieser
      Teil auf die afro-amerikanische Bevölkerung, da deren Wahlrechte in der Zeit der
      Rekonstruktion besonders umkämpft waren und da bei dieser demografischen Gruppe die
      Schwankungen bei der Wahlbeteiligung sehr deutlich ausfielen. So stellten
      Afro-Amerikaner noch im Jahr 1880 45 Prozent der Wählerschaft im Bundesstaat
      Mississippi dar; 1900 waren es dagegen nur vier Prozent.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Redding2001" xml:id="quoteref083">Redding u.
      James 2001, S. 148</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Ähnliches lässt sich auch an anderen zeitgenössischen Statistiken
      ablesen, wie z.B. für den Bundesstaat Louisiana, in dem im Jahr 1896 die Anzahl der
      registrierten afro-amerikanischen Wähler bei 130.334 lag während im Jahr 1904 diese
      Zahl auf nur 1.342 schrumpfte.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref084">Woodward 1957,
      S. 68</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Dieses Phänomen des massiven Einbruchs lässt sich auch in vielen anderen
      Bundesstaaten beobachten<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Walton2012" xml:id="quoteref085">Walton, Puckett
        u. Deskins 2012</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Tuck2009" xml:id="quoteref086">Tuck 2009</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> und zeigt, wie im Fall Lateinamerikas einige Jahrzehnte zuvor, dass die
        Gewährung allgemeiner politischer Rechte im 19. Jahrhundert <tei:emph>und</tei:emph>
      ihre Regulierung auf der Tagesordnung standen.</tei:p>
      <tei:p n="24">Das durch die Gesetzesänderungen zugesicherte Wahlrecht für die
      afro-amerikanische Bevölkerung löste heftige Debatten aus, die in den
      unterschiedlichen politischen Lagern geführt wurden und verschiedene
      essentialisierende und diskriminierende Argumente dafür anführten, warum das
      Wahlrecht der nun befreiten Sklaven eingeschränkt werden sollte.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref087">Woodward 1957,
      S. 69</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Die von den Nordstaaten in den besetzten Südstaatengebieten eingeführte
      Verwaltung stärkte die Position der Republikanischen Partei, die neben der
      Abschaffung der Sklaverei auch weitere Unterstützungsangebote für die befreiten
      Sklaven/innen befürwortete, so z.B. das <tei:q><tei:emph>Bureau of Refugees,
      Freedmen, and Abandoned Lands</tei:emph></tei:q>, das 1865 von Abraham Lincoln
      (1809–1865) initiiert wurde. Die Bevölkerung in den Südstaaten war jedoch
      mehrheitlich der Demokratischen Partei<tei:note>
      <tei:p> Hier ist die damalige zeitgenössische Ausrichtung der Republikanischen und
      Demokratischen Parteien zu beachten, die deutlich andere Positionen als heute
      vertraten. Einen ausführlicheren Überblick liefert hierzu z.B. <tei:ref type="bibl" target="#Critchlow2015" xml:id="quoteref088">Critchlow 2015, S.
      46–47 u. 60–73</tei:ref>. </tei:p>
      </tei:note> zugewandt, sodass das Konfliktpotential zwischen der regierenden
      Verwaltung und der lokalen Bevölkerung bereits hoch war und durch die Verabschiedung
      der drei <tei:q><tei:emph>Reconstruction Amendments</tei:emph></tei:q> noch
      zusätzlich verstärkt wurde.</tei:p>
      <tei:div xml:id="s3-1">
        <tei:head>3.1 Maßnahmen zur Einschränkung der elektoralen Rechte</tei:head>
        <tei:p n="25"><tei:pb n="169"/>Um die nun verfassungsmäßig zugesicherten elektoralen Rechte der
        afro-amerikanischen Bevölkerung einschränken und dieser letztendlich das Wahlrecht
        entziehen zu können, wurden auf Bundesstaatenebene unterschiedliche Maßnahmen und
        Bestimmungen eingeführt. Nach außen hin bewahrten diese Regularien Neutralität, um
        einen direkten Widerspruch gegen die <tei:q><tei:emph>Reconstruction
        Amendments</tei:emph></tei:q> zu verhindern. In der Praxis erlaubten sie
        aber ausreichend Spielraum, um besonders afro-amerikanische Wähler zu
        benachteiligen und letztlich auszuschließen.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Keyssar2000" xml:id="quoteref089">Keyssar
        2000</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Eine Variante dieser Zugangsbeschränkungen stellte die Einführung von
        Wahlsteuern (<tei:q><tei:emph>poll taxes</tei:emph></tei:q>) dar. Diese mussten in
        einem gesetzlich festgelegten Zeitraum vor der Wahl entrichtet werden und die
        Zahlungsbestätigung musste in einigen Staaten vom Bezahlenden selbst aufbewahrt
        und bei Bedarf nachgewiesen werden. Die Höhe der Abgabe lag zwischen einem und
        zwei Dollar und teilweise sahen die Wahlregistrierungsregularien vor, dass die
        Wahlsteuer durchgängig entrichtet werden musste, um an Wahlen teilnehmen zu können.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Walton2012" xml:id="quoteref090">Walton,
        Puckett u. Deskins 2012, S. 329–330</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Weiterhin verlangten eine Reihe von Bundesstaaten den Nachweis über
        den Besitz von Eigentum in Höhe einer bestimmten Summe, häufig über 200 bis 300
        Dollar, um an einer Wahl teilnehmen zu können.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Weeks1894" xml:id="quoteref091">Weeks 1894, S.
        701</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Eine dritte und für diesen Beitrag zentrale Maßnahme stellten die
        <tei:q><tei:term>literacy</tei:term></tei:q> bzw.
        <tei:q><tei:term>educational tests</tei:term></tei:q> dar, bei denen
        Personen, die an einer Wahl teilnehmen wollten, ihre Lesefähigkeiten und ihr
        Leseverständnis nachweisen mussten. Schließlich wurden <tei:soCalled>white
        primaries</tei:soCalled>, bei denen in einem ersten Wahlgang nur die
        wahlberechtigte weiße Bevölkerung wählen durfte, eingeführt, um das Wahlrecht von
        Afro-Amerikanern zusätzlich einzuschränken und somit <tei:emph>de facto</tei:emph>
        zu verhindern, dass eine andere Partei als die Demokraten im Süden gewählt wurde.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Valelly2004" xml:id="quoteref092">Valelly
        2004, S. 156–157</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      <tei:emph>White primary</tei:emph>-Wahlen wurden bis 1915 in allen Südstaaten
      eingeführt und erst 1944 aufgehoben.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#McKay1973" xml:id="quoteref093">McKay 1973, S.
        106</tei:ref>, zitiert nach <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref094">Woodward 1968</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="26">Der Großteil der Bundesstaaten nutzte unterschiedliche Mischungen aus diesem
        Maßnahmenkatalog und auch hier waren es nicht nur Südstaaten, die einschränkende
        Regularien beibehielten oder einführten. So entwirft <tei:ref type="bibl" target="#Weeks1894" xml:id="quoteref095">Weeks (1894)</tei:ref> in seiner
        historischen Darstellung der Entwicklung des Wahlrechts für Afro-Amerikaner für
        die Bundesstaaten, die nicht zu den elf Südstaaten zählen, eine Typologie der
        Gestaltung des Wahlrechts. Bei dieser Darstellung nutzt er drei Typen: <tei:list rend="inline"><tei:item>(1) die
        Staaten, die keine ethnischen Einschränkungen festlegten, </tei:item><tei:item>(2) diejenigen, die
        solche Einschränkungen festlegten, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt und </tei:item><tei:item>(3)
        Bundesstaaten, die von Anfang an das Wahlrecht nur weißen Männern einräumten</tei:item></tei:list>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Weeks1894" xml:id="quoteref096">Weeks 1894, S.
        677</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
      </tei:div>
      <tei:div xml:id="s3-2">
        <tei:head>3.2 <tei:term>Literalität</tei:term> als ausschlaggebendes
        Kriterium</tei:head>
        <tei:p n="27"><tei:pb n="170"/>Wie oben bereits angedeutet, soll im Folgenden das Kriterium der
        <tei:term>Literalität</tei:term> im Vordergrund stehen, da dieses v.a. auf die
        Forderung eines bestimmten Bildungsstandards für die Wahlbeteiligung abzielt. Im
        Gegensatz zu Lateinamerika sind mehr Informationen über die Ausgestaltung dieses
        Prozederes vorhanden. Mit der Feststellung der <tei:term>Literälität</tei:term>
        wurden Verwaltungsbeamte beauftragt, die den potentiellen Wählern in den meisten
        Fällen eine Passage aus der Verfassung des Bundesstaates vorlegten, die vorgelesen
        und interpretiert bzw. erklärt werden sollte. Dabei handelte es sich teilweise um
        sprachlich veraltete, komplexe Passagen aus der Verfassung, die zu Prüfungszwecken
        herangezogen wurden. Die <tei:term>Literalität</tei:term>stests setzten sich, je
        nach Bundesstaat, aus verschiedenen Teilen zusammen; in den meisten Fällen jedoch
        bestanden sie aus Lese- und Schreibaufgaben, deren Grundlage neben den Passagen
        aus der Verfassung das eigenhändige Ausfüllen der Wahlregistrierung bildete.
        <tei:ref type="bibl" target="#Stephenson1910" xml:id="quoteref097">Stephenson
        (1910)</tei:ref> beschreibt die Maßnahme der
        <tei:term>Literalität</tei:term>süberprüfung und die Rolle der Verwaltungsbeamten
        sehr treffend: </tei:p>
        <tei:p n="28"><tei:quote source="#quoteref098">Educational distinctions easily permit race
        distinctions in several ways. In the first place, registration officers may
        give a difficult passage of the Constitution to a Negro, and a very easy
        passage to a white person, or vice versa. He may permit halting reading by one
        and require fluent reading by the other. He may let illegible scratching on
        paper suffice for the signature of one and require of the other a legible
        handwriting. But race discriminations in such cases rest with the officers;
        they do not have their basis in the law itself</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Stephenson1910" xml:id="quoteref098">Stephenson 1910, S. 303–304</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="29">Als konkretes Beispiel lässt sich hier der Bundesstaat Mississippi anführen,
        der mit der 1890 verabschiedeten Verfassung als erster Staat Maßnahmen einführte,
        die letztendlich die elektoralen Rechte der afro-amerikanischen Bevölkerung
        einschränkten. So heißt es in der Verfassung: <tei:quote source="#quoteref099">On
        and after the first day of January, A. D., 1892, every elector shall, in
        addition to the foregoing qualifications, be able to read any section of the
        constitution of this State; or he shall be able to understand the same when
        read to him, or give a reasonable interpretation thereof. A new registration
        shall be made before the next ensuing election after January the first, A. D.,
        1892</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_ZZCIA655" xml:id="quoteref099">Constitution of the State of Mississippi 1892, Artikel 12, Abschnitt
        24</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="30">Damit wurde in Mississippi ein <tei:term>Literalität</tei:term>stest
        eingeführt, der nur aus einem Leseteil bestand und durch eine
        <tei:q><tei:emph>understanding alternative</tei:emph></tei:q> ergänzt wurde.
        Diese Alternative, bei der der zuständige Wahlregistrierungsbeamte selbst einen
        Teil aus der Verfassung vorlas, der dann von der zu prüfenden Person erläutert
        werden musste, wurde zunächst auch in Georgia, South Carolina und Virginia
        durchgeführt. Allerdings schafften alle Bundesstaaten außer Mississippi diese
        Alternative im Zuge von Reformierungen der Wahlbestimmungen wieder ab.</tei:p>
        <tei:p n="31"><tei:pb n="171"/>Nichtsdestotrotz lässt sich festhalten, dass die in Mississippi eingeführten
        zusätzlichen Bestimmungen eine enorme Strahlkraft entwickelten und häufig als
        Vorlage für ähnliche Verfassungszusätze auf Bundesstaatenebene genutzt wurden,
        insbesondere in den anderen Südstaaten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref100">Woodward
        1957</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Hierdurch wurde auch die Grundlage für den de facto-Entzug des
        Wahlrechts von Afro-Amerikanern gelegt, der seinen Höhepunkt im Jahr 1908 mit der
        Einführung entsprechender Maßnahmen im Bundesstaat Georgia erreichte. Hier wurden
        mit der Wahlsteuer, dem Nachweis über Eigentum sowie dem
        <tei:term>Literalität</tei:term>stest alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen
        genutzt, um afro-amerikanische Wähler zu entrechten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Tuck2009" xml:id="quoteref101">Tuck 2009, S.
        139</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="32">Ein zweites prägnantes Beispiel stellt der Bundesstaat Louisiana dar, wo im
        Zeitraum zwischen 1898 und 1904 ebenfalls die Wahlsteuer, der
        <tei:term>Literalität</tei:term>stest und der Eigentumsnachweis eingeführt wurden.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_YGJMU5DW" xml:id="quoteref102">The
          Constitution of the State of Louisiana 1898, Artikel 197</tei:ref>;
          <tei:ref type="bibl" target="#Cunningham1966" xml:id="quoteref103">Cunningham 1966</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Auch hier fand ein immenser Einbruch bei der Wahlbeteiligung der
          afro-amerikanischen Wähler statt: Im Jahr 1896 bildeten diese noch in 26
          Distrikten die Mehrheit, während sie 1900 in keinem Distrikt mehr eine Mehrheit darstellten.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref104">Woodward
          1957, S. 68</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Damit zeigt sich auch in Louisiana, ähnlich wie in Mississippi und
          vielen anderen Südstaaten, die starke Disparität zwischen dem Anteil der
          Afro-Amerikaner/innen an der Gesamtbevölkerung und der Verteilung der elektoralen
          Rechte, die nur einer verschwindend kleinen Minderheit eingeräumt wurden. Die
          Überprüfung der <tei:term>Literalität</tei:term> wurde in den meisten
          Bundesstaaten bis weit in die 1960er Jahre praktiziert<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Filer1991" xml:id="quoteref105">Filer, Kenny
          u. Morton 1991, S. 374</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> und erst mit der Verabschiedung des <tei:q><tei:emph>Voting Rights
          Acts</tei:emph></tei:q> im Jahr 1965, durch den die afro-amerikanische
          Bevölkerung nun uneingeschränkte elektorale Rechte erhielt und durch den mit dem
          24. Zusatzartikel zugleich die Wahlsteuer abgeschafft wurde, aufgehoben.<tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#Foner2012" xml:id="quoteref106">Foner 2012, S.
          970</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="33">Louisiana soll hier auch beispielhaft für die Einführung von zusätzlichen
        Maßnahmen stehen, mit denen der <tei:term>Literalität</tei:term>stest in
        bestimmten Fällen umgangen werden konnte. <tei:term>Literalität</tei:term> als
        Grundlage für das Wahlrecht führte nämlich auch dazu, dass weiße Wähler ebenso von
        Wahlen ausgeschlossen werden konnten. Daher mussten nun wiederum Mechanismen
        eingeführt werden, mit denen der <tei:q><tei:emph>literacy test</tei:emph></tei:q>
        umgangen werden konnte. Eine bereits erwähnte Möglichkeit boten die
        <tei:q><tei:emph>understanding alternatives</tei:emph></tei:q>, die statt
        des Vorlesens einer Textpassage aus der Verfassung lediglich die Erklärung des
        Textteils vorsahen. Eine zweite bedeutende Alternative stellte die Einführung der
        <tei:q><tei:emph>grandfather clauses</tei:emph></tei:q> dar. Diese
        ermöglichten die Freistellung von der <tei:term>Literalität</tei:term>sprüfung,
        indem sie den Wählern, deren Großväter sich bereits vor dem Bürgerkrieg für Wahlen
        registriert und an<tei:pb n="172"/> diesen teilgenommen hatten, diesen Test erließen.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Kernell2003" xml:id="quoteref107">Kernell u.
        Jacobson 2003, S. 114</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> In der Verfassung von Louisiana wird dieser Passus wie folgt
        formuliert:</tei:p>
        <tei:quote source="#quoteref108">No male person who was on January 1st, 1867, or at
        any date prior thereto, entitled to vote under the Constitution or statutes of any
        State of the United States, wherein he then resided, and no son or grandson of any
        such person not less than twenty-one years of age at the date of the adoption of
        this Constitution, and no male person of foreign birth, who was naturalized prior
        to the first day of January, 1898, shall be denied the right to register and vote
        in this State by reason of his failure to possess the educational or property
        qualifications prescribed by the Constitution […].</tei:quote>
        <tei:note>
          <tei:p>
            <tei:ref type="bibl" target="#zoteroItem_YGJMU5DW" xml:id="quoteref108">The
            Constitution of the State of Louisiana 1898, Artikel 197, Absatz
          5</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note>
        <tei:p n="34">Der <tei:emph>grandfather clause</tei:emph> hatte also eine doppelte Funktion:
        Zum einen sollte er die Wahlbeteiligung der <tei:emph>freedmen</tei:emph> weiter
        einschränken und gleichzeitig fungierte er als Instrument, um mehr weißen Wählern
        elektorale Rechte zu gewähren, auch wenn sie die formalen Kriterien des
        <tei:term>Literalität</tei:term>stests bzw. des Eigentumsnachweises nicht
        erfüllen konnten. Eine dritte, wenn auch wenig genutzte, Möglichkeit der Umgehung
        der Prüfung von <tei:term>Literalität</tei:term> waren die <tei:q><tei:emph>good
        character clauses</tei:emph></tei:q>, die der Feststellung eines moralisch
        vorbildlichen Charakters der Wähler dienten.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref109">Woodward
        1957, S. 67</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Woodward beschreibt das Repertoire an Umgehungsmöglichkeiten insgesamt
        sehr pointiert als <tei:quote source="#quoteref110">loopholes in the barrier
        through which only white men could squeeze</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Woodward1957" xml:id="quoteref110">Ebd. 1957,
        S. 67</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
        </tei:p>
        <tei:p n="35">Die Einführung von <tei:term>Literalität</tei:term>stests als Vorbedingung für
        die Ausübung von elektoralen Rechten schien zunächst als eine zugangsbeschränkende
        Maßnahme zu fungieren, die auf alle Bürger im wahlberechtigten Alter zutraf.
        Allerdings zielte sie, und auch die anderen eingeführten Maßnahmen, konkret auf
        die Einschränkung des Wahlrechts der afro-amerikanischen Bevölkerung in den
        Südstaaten der USA ab. <tei:emph>De jure</tei:emph> fand in den Verfassungen der
        Bundesstaaten keine explizite Exklusion dieser Bevölkerungsgruppe statt – dies
        verhinderten der 13., 14. und 15. Zusatzartikel zur US-amerikanischen Verfassung.
        Jedoch trafen die eingeführten Wahlvoraussetzungen aufgrund von strukturellen und
        sozio-ökonomischen Gründen nur auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zu. Durch die
        Einführung dieser Wahlvoraussetzungen konnte die rassifizierte Segregation
        <tei:emph>de facto</tei:emph> perpetuiert und sogar noch verstärkt werden,
        insbesondere vor dem Hintergrund der Auswirkungen der <tei:emph>Jim Crow
        Laws</tei:emph>. Das bedeutete, dass in vielen Landesteilen – die Stadt New
        Orleans stellt hier einen besonders eindrucksvollen Fall dar – eine stärkere
        Segregation als vor dem Sezessionskrieg zu konstatieren ist, sodass <tei:quote source="#quoteref111">by the end of the century all southern states had
        constructed a maze of electoral laws that systematically excluded African
        Americans from civic life</tei:quote>.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Kernell2003" xml:id="quoteref111">Kernell u.
        Jacobson 2003, S. 113–114</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> Dies entfaltete eine lange Wirkung. Die Jim Crow Laws und die in ihrem
        Sinne gefällten Urteile des Supreme Courts wurden erst nach dem Urteil<tei:pb n="173"/> <tei:title level="u">Brown v.
        Board of Education of Topeka</tei:title> im Jahr 1954 abgeschafft und darauf folgend die
        <tei:q>separate but equal</tei:q>-Regelung für
        verfassungswidrig erklärt. Erst 1965 wurden alle Formen der
        <tei:term>Literalität</tei:term>stests durch den <tei:emph>Voting Rights Act</tei:emph>
        verboten.</tei:p>
      </tei:div>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="s4">
      <tei:head>4. <tei:term>Literalität</tei:term>, Wahlrecht und Schulexpansion: Ein
      hemmender Faktor gegen Schulentwicklung und Schulexpansion?</tei:head>
      <tei:p n="36">Die offensichtliche Rassifizierung der Wahlrechtsbeschränkungen über
      <tei:term>Literalität</tei:term>stests war auch in einem besonderen Fall in
      Lateinamerika zu beobachten. Als Brasilien als letztes Land des Kontinents die
      Sklaverei im Jahr 1888 abschaffte, fand dies gleichzeitig mit einem Systemwechsel weg
      vom alten Reich hin zur Republik statt. Somit musste eine verfassungsgebende
      Versammlung einberufen werden, die selbstverständlich auch die Frage des Wahlrechts
      grundsätzlich diskutierte. Vor der Aussicht, mit Millionen von ehemaligen Sklaven als
      neue Wähler umgehen zu müssen, hat diese verfassungsgebende Versammlung ebenfalls
      eine <tei:term>Literalität</tei:term>srestriktion beschlossen. So eine
      vergleichsweise verspätete wie zielsichere Vorgabe spricht Bände über die
      rassifizierten Ängste, die in der Versammlung dominierten. Der Militär Alexandre Jose
      Barbosa Lima (1862–1931) argumentierte dort mit der bekannten Figur, dass das
      Wahlrecht ja <tei:q><tei:emph>keine Naturrechte</tei:emph></tei:q> tangiert, sondern
      nur <tei:q><tei:emph>politische</tei:emph></tei:q> Rechte.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Cury2001" xml:id="quoteref112">Cury 2001, S.
      192</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Der Fall Brasiliens stand nicht allein in dieser Konstellation der
      rassifizierten politischen Exklusion über ein bildungsbezogenes Kriterium. Auch im
      Falle Perus sind die langwirkenden, <tei:term>literalität</tei:term>sbasierten
      Regulierungen des Wahlrechts seit der Reform von 1896 explizit im Kontext der
      Exklusion indigener Gruppen aus dem politischen Prozess erkennbar.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Plaza1979" xml:id="quoteref113">Plaza
        1979</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Casani_Condo2019" xml:id="quoteref114">Casani Condo 2019</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="37">Ein weiteres Argument von Barbosa Lima bringt das Dreieck von
      <tei:term>Literalität</tei:term>, Wahlrecht und
      <tei:term>Schulexpansion</tei:term> stärker in den Fokus. Die Verknüpfung von
      Wahlrecht und alphabetisiertem Status würde <tei:quote source="#quoteref115">einen
      weiteren Anreiz geben, damit die ehemaligen Sklaven ihren Status der Ignoranz
      verlassen können</tei:quote>.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Cury2001" xml:id="quoteref115">Cury 2001, S.
      192</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Somit erneuerte er ein liberales Argument für die Bestimmung von
      <tei:term>Literalität</tei:term> als Schlüssel für die Erlangung von politischen
      Rechten, die bereits in den ersten Debatten formuliert worden war:
      <tei:term>Literalität</tei:term> in Verbindung mit Wahlrecht würde einen Impuls
      für die weitere Entwicklung von Schulbildung bedeuten. Die Menschen hätten einen
      Anreiz, Schulbildung zu suchen, um letztlich auch politische Rechte zu erlangen.
      Nicht wenige waren skeptisch gegenüber dieser von den Liberalen geprägten Hoffnung.
      Ein chilenischer Beobachter bilanzierte 20 Jahren nach der Einführung von
      <tei:term>Literalität</tei:term> als Wahlrechtsrestriktion in seinem Land: Dies
      habe <tei:quote source="#quoteref116">nie als<tei:pb n="174"/> Stimulus für Schulbildung gedient; bis
      dato gibt es keinen einzigen Elternteil, der sein Kind in die Schule schickt,
      damit dieses Wähler wird</tei:quote>.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Carrasco_Albano1858" xml:id="quoteref116">Carrasco Albano 1858, S. 48</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="38">Im Unterschied zu solchen Prognosen basiert unsere Hypothese nicht auf der
      Annahme, dass Wahlrechtsvorgaben Auswirkungen auf der
      <tei:emph>Nachfragenseite</tei:emph> der Schulbildung hatten, sondern eher auf der
      <tei:emph>Angebotsseite</tei:emph>. In den weiterhin restriktiv funktionierenden
      politischen Systemen lateinamerikanischer Länder – häufig unter dem zusammenfassenden
      Begriff der <tei:term>repúblicas oligárquicas</tei:term> charakterisiert<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Stein2002" xml:id="quoteref117">Stein u. Stein
      2002, S. 168</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> – monopolisierten die Eliten die Entscheidungen zur Finanzierung des
      Schulwesens und somit der <tei:term>Schulexpansion</tei:term> auf der Angebotsseite.
      Es bestünde demnach keine Motivation, Schulen in denjenigen Ländern vermehrt zu
      etablieren, in denen das Wahlrecht den männlichen Alphabetisierten vorbehalten war. </tei:p>
      <tei:p n="39">Erste Beobachtungen plausibilisieren diese Annahme. In sehr vielen und
      einschlägigen Aspekten waren Länder wie Chile und Argentinien ähnlich. In der zweiten
      Hälfte des 19. Jahrhunderts – in Chile bereits seit den 1830er Jahren – gab es eine
      relative politische Stabilität, die den Aufbau des Nationalstaats und die
      Inkorporation beider Länder als Exporteure in die Weltwirtschaft ermöglichte. In
      einer Auswertung von Víctor Bulmer-Thomas zu wachstumsrelevanten, nach der
      Bevölkerungszahl normierten Exporten für den Zeitraum 1850–1912 erscheinen beide
      Länder, neben Uruguay, als Profiteure der Integration in die Weltwirtschaft<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Bulmer-Thomas2014" xml:id="quoteref118">Bulmer-Thomas 2014, S. 67</tei:ref>.</tei:p>
        </tei:note> und auch die relativen Wachstumsraten zeigten in beiden Fällen nach oben.<tei:note>
        <tei:p>
          <tei:ref type="bibl" target="#Prados_De_La_Escosura2008" xml:id="quoteref119">Prados De La Escosura 2008, S. 500</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> Auch wenn verlässliche Daten zum Wachstum der Bildungsausgaben spärlich
          sind, befanden sich beide Länder, so die übereinstimmende bildungshistoriographische Einsicht,<tei:note>
          <tei:p> Vgl. <tei:ref type="bibl" target="#Alarcón2014" xml:id="quoteref120">Alarcón 2014</tei:ref> für Chile; <tei:ref type="bibl" target="#Oelsner2012" xml:id="quoteref121">Oelsner 2012</tei:ref>.</tei:p>
          </tei:note> in einer Zeit der expansiven Schulpolitik. Und dennoch scheint in
          Argentinien, wo keine Wahlrechtsbeschränkung nach
          <tei:term>Literalität</tei:term>sstatus galt, Schulbesuch und
          <tei:term>Alphabetisierung</tei:term> sich schneller entwickelt zu haben als in
          Chile.<tei:pb n="175"/> Während beide Länder laut ihren nationalen Volkszählungen noch nach der Mitte
          des Jahrhunderts ähnliche <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>sraten vorwiesen –
          Argentinien 25,2% (1869), Chile 22,4% (1865) – schritten die Entwicklungen in
          Argentinien bis zur Jahrhundertwende (und darüber hinaus) rapider voran – Argentinien
      49,2%, Chile 34,4% (beide 1895).</tei:p>
      <tei:table xml:id="t2">
        <tei:head><tei:term>Alphabetisierung</tei:term>srate (Lesen und Schreiben) der über siebenjährigen männlichen
            Bevölkerung in Argentinien und Chile (ca. 1865–1920) nach den jeweiligen
            Volkszählungen.</tei:head>
        <tei:head>Eigene Zusammenstellung nach <tei:ref type="bibl" target="#Newland1990" xml:id="quoteref122">Newland, 1990, S. 358</tei:ref>; <tei:ref type="bibl" target="#Argentina_República1916" xml:id="quoteref122a">República Argentina 1916,
              S. 168</tei:ref>.</tei:head>
        <tei:row role="label">
          <tei:cell>Argentinien</tei:cell>
          <tei:cell>Chile</tei:cell>
        </tei:row>
        <tei:row role="data">
          <tei:cell>25,2 (1869)</tei:cell>
          <tei:cell>22,4 (1865)</tei:cell>
        </tei:row>
        <tei:row role="data">
          <tei:cell>49,2 (1895)</tei:cell>
          <tei:cell>34,4 (1895)</tei:cell>
        </tei:row>
        <tei:row role="data">
          <tei:cell>65,2 (1914)</tei:cell>
          <tei:cell>51,3 (1920)</tei:cell>
        </tei:row>
      </tei:table>
      <tei:p n="40">Sogar ein Vergleich beider Hauptstädte zeigt, dass diese sich angesichts
      demographischen Druckes, Migration und Landflucht in Sachen
      <tei:term>Alphabetisierung</tei:term> auch zeitweise unterschiedlich behauptet
      haben. Während die <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>squote der männlichen
      Bevölkerung in Santiago de Chile im Jahr 1854 52,4% betrug, verringerte sich diese
      Zahl bis 1875 auf 37,0%. Demgegenüber blieb die
      <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>squote von Buenos Aires aus dem Jahr 1855 –
      56,0% – bis zum Jahr 1869 nahezu konstant (55,0%).<tei:note>
      <tei:p> Angaben aus: <tei:ref type="bibl" target="#Newland1990" xml:id="quoteref123">Newland 1990, S. 358</tei:ref>.</tei:p>
    </tei:note>
      </tei:p>
      <tei:p n="41">Im Falle der USA ist die Lage komplexer, aber der Zusammenhang, dass das Angebot
      an Schulen eventuell von den Wahlrechtseinschränkungen negativ beeinflusst werden
      könnte, ist trotzdem plausibel. Bekanntlich sind Entscheidungen im US-Schulsystem
      stark dezentralisiert, dies betrifft auch Fragen der Schulfinanzierung und der
      Errichtung von Schulen. Dies könnte bedeuten, dass auch <tei:emph>people of
      color</tei:emph> in einzelnen <tei:term>school boards</tei:term> dominierten und
      der <tei:term>Schulexpansion</tei:term> und <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>
      nicht zuletzt aufgrund erwarteter politischer Dividende positiv gegenüberstanden.
      Dies war aufgrund von exkludierenden politischen Strategien der weißen Südstaaten
      nicht der Fall, so dass eine Ausweitung des Schulangebots erschwert wurde. Ein
      Vergleich der <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>squoten der
      <tei:q><tei:emph>colored people</tei:emph></tei:q> in Staaten mit oder ohne
      <tei:term>literalität</tei:term>sbasierte Wahlrechtseinschränkungen gibt weitere
      Hinweise auf die nachteiligen Auswirkungen dieser Vorgaben auf die
      <tei:term>Schulexpansion</tei:term>. Während im <tei:emph>
      <tei:hi rend="i">District of Columbia</tei:hi>
      </tei:emph> (Washington D.C.) der <tei:term>Analphabetismus</tei:term> vom Ende des
      Bürgerkrieges bis zur Jahrhundertwende halbiert wurde (1870: 70,5%, 1880: 48,4%,
      1890: 35,0%), wurden die <tei:term>Analphabetismus</tei:term>quoten in Alabama nur um
      ca. 20% (1870: 88,1%; 1880: 80,6%; 1890: 69,1%) und in Mississippi um ca. 30% (1870:
      87,0%; 1880: 75,2%; 1890: 60,9%) gesenkt.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Education_United_States_Bureau1896" xml:id="quoteref124">United States Bureau of Education 1896, S.
      1333</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Auch die verspätete Einführung einer eigenen
      <tei:term>Schulpflicht</tei:term> in den Südstaaten war unter anderem auf die
      befürchteten Auswirkungen einer allgemeinen Beschulung zurückzuführen.<tei:note>
      <tei:p>
        <tei:ref type="bibl" target="#Richardson1980" xml:id="quoteref125">Richardson
      1980</tei:ref>.</tei:p>
      </tei:note> Hier sind Angaben, in denen die <tei:term>Alphabetisierung</tei:term> und
      der Schulbesuch von Weißen und <tei:q><tei:emph>colored people</tei:emph></tei:q>
      divergieren, wichtig für eine Einschätzung eines bremsenden Effekts der
      Wahlrechtsvorschriften auf die Expansion des Schulwesens und die Universalisierung
      der <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>.</tei:p>
      <tei:p n="42">Insgesamt gab es für konservative, rassistische und andere status-quo Kräfte in
      denjenigen Ländern der <tei:emph>Americas</tei:emph>, in denen
      <tei:term>literalität</tei:term>sbasierte Wahlrechtseinschränkungen bestanden,
      keinen richtigen Anreiz, Schulen zu gründen und den<tei:pb n="176"/> Schulbesuch zu expandieren. Denn
      die <tei:term>Alphabetisierung</tei:term> von mehr Menschen würde nahezu automatisch
      die Vergrößerung der Wählerschaft mit all ihren Unwägbarkeiten mit sich bringen. In
      mehreren Fällen ist sogar eine auffallend
      <tei:q><tei:emph>verspätete</tei:emph></tei:q> Einführung einer
      <tei:term>Schulpflicht</tei:term> zu beobachten (bspw. für Mississippi als letzten
      Bundesstaat in den USA 1918, oder in Chile 1920), die auch mit der politischen
      Rationalität einer Beibehaltung der vorhandenen Wählerschaft zusammenhängen könnte.
      Beide Aspekte – <tei:term>Schulexpansion</tei:term> und Einführung einer gesetzlichen
      <tei:term>Schulpflicht</tei:term> – sehen wir im Verhältnis mit den
      <tei:term>literalität</tei:term>sbasierten Restriktionen des Wahlrechts und nicht
      lediglich als eigensystemische Entwicklung.</tei:p>
    </tei:div>
    <tei:div xml:id="s5">
      <tei:head>5. Ausblick: Von der Plausibilisierung der Hypothese zu ihrer
      Erforschung</tei:head>
      <tei:p n="43">Wahlrechtsrestriktionen auf der Basis von <tei:term>Literalität</tei:term>
      blieben in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern bis 1954 bestehen. Dort hielten
      diese Regelungen sehr lange an und wurden in Venezuela (1947), Costa Rica (1949),
      Chile (1970), Peru (1979) und schließlich Brasilien (1984) abgeschafft. Wie erwähnt,
      die Ära der <tei:term>Literalität</tei:term>stests endete in den USA 1965. Es
      bestehen somit lange Zeiträume zwischen der Einführung von allgemeinen
      Wahlrechtsregelungen bis zum Ende der Wahleinschränkungen auf der Basis von
      <tei:term>Literalität</tei:term>. Es lässt sich fragen, wie die in diesem Beitrag
      plausibilisierte Hypothese weiterbearbeitet und überprüft werden könnte.</tei:p>
      <tei:p n="44">Bereits die zahlreichen angesprochenen Länder und Bundestaaten zeugen von einer
      grundlegenden Schwierigkeit solch einer Überprüfung. Darüber hinaus sind mögliche
      wirksame Variablen auf <tei:term>Schulexpansion</tei:term> zahlreich und ihre
      Verschränkung komplex. Somit zeichnet sich das Bild einer Forschungsarbeit ab, in der
      quantitative Zusammenhänge zwischen <tei:q><tei:emph>ähnlichen</tei:emph></tei:q> und
      <tei:q><tei:emph>kontrastierenden</tei:emph></tei:q> Fällen in
      <tei:term>Mehrebenenanalysen</tei:term> ermittelt werden. Diese sollen nicht nur
      die Variationen der Wahlrechtseinschränkungen modellieren und in das
      Untersuchungsdesign integrieren, sondern auch Makrodeterminanten wie Finanzkraft und
      schulpolitische Kontextualisierung (bspw. <tei:term>Schulpflichtigkeit</tei:term>)
      integrieren. Darüber hinaus können Extrembeispiele der Einschränkung identifiziert
      werden – bspw. Mississippi in den USA, oder Guatemala in Zentralamerika –, um die
      Dynamik der <tei:term>Schulexpansion</tei:term> qualitativ zu rekonstruieren.
      Bezüglich der Untersuchungszeiträume ergeben sich zwei unterschiedliche Überlegungen
      für ihre Bestimmung. Erstens bietet sich an, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
      detaillierten Zensusangaben statistischer Behörden als systematische Grundlage
      heranzuziehen. Somit werden solche Analysen für Lateinamerika kaum vor 1850
      durchzuführen sein. Obwohl die USA seit 1790 über solche Informationen verfügt,
      entsteht die kritische Situation der <tei:term>literalität</tei:term>sbasierten
      Restriktion erst nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865. Zweitens wird das<tei:pb n="177"/> Bestehen von
      gesetzlichen Regelungen der <tei:term>Schulpflichtigkeit</tei:term> ebenfalls als
      bedeutsame Bedingung der <tei:term>Schulexpansion</tei:term> zu würdigen sein. Obwohl
      solch eine Gesetzgebung keineswegs die schnelle Umsetzung der allgemeinen Beschulung
      bedeutet – die Lage in den lateinamerikanischen Ländern war hier besonders
      eindrücklich – wäre für das Ende der Untersuchungen solch eine gesetzliche Regelung
      eventuell sinnvoll. Ein Untersuchungszeitraum zwischen 1850 und 1920 würde zwar nicht
      die gesamte Zeit, in der schulbildungsrelevante Wahleinschränkungen existierten,
      adressieren. Aber dieser Zeitraum würde doch die Dynamik der
      <tei:term>Schulexpansion</tei:term> in einer Situation erfassen können, in der
      eventuell konfligierende Orientierungen – das Interesse an einer eingeschränkten
      Wählerschaft einerseits, die Umsetzung der beschlossenen
      <tei:term>Schulpflicht</tei:term> andererseits – noch nicht wirksam waren.</tei:p>
      <tei:p n="45">In jedem Fall dürfte in solchen Kontexten, in denen Wahlrecht und
      <tei:term>Literalität</tei:term> in funktionaler Verbindung standen, eine
      <tei:emph>unmittelbare</tei:emph> Politisierung der Schulpolitik zu konstatieren
      sein. Denn im Unterschied zu anderen Mechanismen der schulpolitischen Beeinflussung
      der Massen wie <tei:term>Curriculum</tei:term>, <tei:term>Disziplin</tei:term>,
      Nationalisierung der <tei:term>Rituale</tei:term>, etc., denen mit Recht eine
      politische Funktion zugesprochen werden kann, kommt in diesen Konstellationen dem
      <tei:emph>reinen</tei:emph> Schulbesuch eine unmittelbare politische Funktion zu.
      Nicht ohne Grund stand die Flucht Paulo Freires aus Brasilien und die Repression
      sowie das Verbot seiner <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>szirkel auf der
      Tagesordnung der brasilianischen Diktatur.<tei:note>
      <tei:p><!-- kirkendall 2010 fehlt in bibliographie -->Kirkendall 2010.</tei:p>
      </tei:note> Dies geschah nach 1964, als eine militärische Regierung, die von dem
      ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro gefeiert wird, über das Land herrschte. Paulo
      Freire war nicht allein deshalb gefährlich, weil er eine eigentümliche Mischung aus
      Christentum und Marxismus vertrat. Seine
      <tei:term>Alphabetisierung</tei:term>smethode, die schnelle Ergebnisse versprach,
      stellte eine unmittelbare Herausforderung der gewohnten politischen Ordnung dar, weil
      diese Methode ja die Wählerschaft mit relativer Geschwindigkeit vergrößern könnte.
      Nicht allein die didaktisch-pädagogischen Konzepte, sondern auch unmittelbare
      politische Auswirkungen mögen hier eine Rolle gespielt haben. Die Geschichte von
      <tei:term>Literalität</tei:term> und Schulbesuch in den
      <tei:emph>Americas</tei:emph>, die eigene Wege bei der Konsolidierung liberaler
      Ordnungen gingen, kann somit anhand der konkreten Verschränkung mit einer politischen
      Institution – dem Wahlrecht – in ihrer unmittelbaren politischen Bedeutung erkundet
      werden.</tei:p>
    </tei:div>
  </tei:body>
  <tei:back>
    <tei:div xml:id="div-bibl" type="bibliography">
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      <tei:head>Quellen und Literatur</tei:head>
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        </tei:desc>
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